Glaube und politisches Engagement

Podiumsdiskussion am Schlusstag der Ökumenischen Sommerakademie im Stift Kremsmünster

Kremsmünster, 17. Juli 2002 (epd Ö) Gläubige Menschen sollen sich im politischen Leben engagieren, unabhängig davon, welcher Religion sie angehören: Diese Meinung war allgemeiner Konsens bei einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion zum Thema Religion und Politik am Schlusstag der Ökumenischen Sommerakademie im Stift Kremsmünster.

Der evangelische Oberkirchenrat Michael Bünker wies bei der Diskussion am Freitag, 12. Juli, darauf hin, dass politische Forderungen der Kirchen sich an der konkreten Realität messen lassen müssen. Die Kirchen müssten so ihre Visionen überprüfen, ob sie realistisch und „politikfähig“ seien. Als positive Beispiele für das Bestehen dieses „Glaubwürdigkeitstests“ führte er Caritas und Diakonie an.

Der Linzer Bischof Maximilian Aichern erklärte, die katholische Kirche wünsche sich heute vom Staat keine Privilegien gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften – sehr wohl aber einen Schutz der christlichen Tradition. Der Kontakt zwischen Politik und Kirche werde gepflegt, es gebe immer wieder Besprechungen und Gedankenaustausch mit Vertretern der einzelnen Parlamentsparteien – etwa in der Frage der Sonn- und Feiertagsruhe.

Schakfeh: Gemeinsame Werte gemeinsam vertreten

„Gemeinsame Werte gemeinsam vertreten“, dazu rief Anas Schakfeh, der Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, auf. Es sei wünschenswert, dass sich die Kirchen und Religionsgemeinschaften in gesellschaftspolitischen Fragen gemeinsam zu Wort melden, denn „dann wird diese Stimme besser gehört“. Die abrahamitischen Religionen hätten sehr oft nicht nur parallele, sondern sogar identische Grundsätze – nur sei das viel zu wenig bekannt.

Vor einer zu intensiven Einmischung der Religionen in die Politik warnte der jüdische Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg: „Unsere Maximal-Ansprüche richten sich an unsere eigenen Gläubigen. Es muss aber nicht jeder glauben, was wir glauben. Deshalb müssen wir uns dort, wo eine Sache nur durch unseren Glauben argumentierbar ist, ein wenig zurücknehmen.“ Die beste Vorgangsweise umschrieb er so: „Nicht zu demütig, nicht übermütig – und in den wichtigen Situationen mutig“.

Der österreichische Diplomat Michael Weninger ermutigte die Religionsgemeinschaften in der Diskussion, sich in politischen Fragen auch auf EU-Ebene zu engagieren: „Wenn die Kirchen und Religionsgemeinschaften das politische Feld den anderen überlassen, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn die Situation in der Folge dementsprechend aussieht.“ Umgekehrt sollten sich auch Politiker mehr mit Theologie beschäftigen. Im Hinblick auf die veränderten Herausforderungen – zum Beispiel im Bereich der Stammzellenforschung mit ihren religiösen Implikationen – forderte Weninger: „Wir brauchen eine neue Art von politischer Theologie“.

„Islam ist nicht gleich Islamismus“

Für eine differenzierte Sichtweise des Islam und seines Verhältnisses zu Politik und Recht hatte sich im Verlauf der Tagung die Berliner Islamwissenschaftlerin Prof. Gudrun Krämer ausgesprochen. Die „Islamisten“ seien die „lautesten und auffälligsten“ Vertreter einer Einheit von Religion, Politik und Recht und würden in nicht wenigen Staaten das gesellschaftliche Leben und die staatliche Ordnung beeinflussen. „Aber sie stoßen zugleich auf Kritik und Widerstand, der zum Teil religiös argumentiert, indem er aus den normativen Quellen – Koran und Sunna – in dieser Frage ganz andere Schlüsse zieht, zum Teil dezidiert säkularistisch auftritt“, sagte Krämer. Von den Islamisten werde gerne übersehen, dass jeder religiöse Text auch der Exegese, der Auslegung, bedürfe.

Islam sei aber nicht Islam – dazu sei die Vielfalt an Denk- und Lebensformen zu groß, betonte Krämer. Islam sei nicht gleich Islamismus und somit islamische Religion und Politik nicht zwingend miteinander verbunden. Sehr viel von dem, was Muslime denken und tun, ist nach den Worten Krämers nicht durch den Islam im Sinne einer normativen Tradition bestimmt und daher auch nicht daraus zu erklären. „Dass Muslime in einem säkularen Staat leben können, muss wissenschaftlich nicht erst bewiesen werden“, unterstrich Krämer: „Das zeigt die Praxis“.

Die Ökumenische Sommerakademie ist eine gemeinsame Veranstaltung der Hauptabteilung Religion im ORF Hörfunk in Zusammenarbeit mit der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz, dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich, dem Land Oberösterreich, der Kulturdirektion der Landesregierung, dem Evangelischen Bildungswerk Oberösterreich, dem Stift Kremsmünster und der Kirchenzeitung der Diözese Linz.

ISSN 2222-2464