Frieden: Weniger Religion und mehr Weltlichkeit

Bei der Sommerakademie des Friedensforschungszentrums Stadtschlaining sprach Michael Bünker über das Verhältnis von Religion und Gewalt.

Stadtschlaining, 10. Juli 2003 (epd Ö) „Für mehr Friedlichkeit in der Welt wäre nicht mehr an Religion, sondern weniger und mehr an Weltlichkeit hilfreich.“ Die These vertrat der lutherische Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker in seinem Referat über Religion und Gewalt am Mittwoch, 9. Juli, auf der Sommerakademie der Friedensuniversität Stadtschlaining.

Nach evangelischer Sicht, so Bünker, könne Religion auf drei Wegen aus ihrer Gewaltverstrickung herausfinden: die grundsätzliche Bejahung der Welt, der selbstkritische und vernunftgeleitete Umgang mit den eigenen Grundlagen und schließlich eine aus dem Glauben kommende Haltung, die den Anderen anerkennt, Pluralismusfähigkeit begründet und Dualismus verhindert.

Luther und Calvin hätten deutlich gemacht, dass das Ziel des Handelns Gottes nicht die Verchristlichung oder gar Verkirchlichung der Welt sei, sondern die Ausrichtung der politischen und sozialen Verhältnisse nach Gerechtigkeit und Frieden. „Religionen müssen ein positives Verhältnis zur Säkularität gewinnen“, forderte der Theologe. Das könne nicht allein durch einen Dialog der Religionen miteinander verwirklicht werden, sondern bedinge den grundsätzlichen Verzicht auf den allumfassenden Geltungsanspruch von Religion auf alle Lebensbezüge. Das damit auch der grundsätzliche Respekt vor Nichtglaubenden und Religionslosigkeit eingeschlossen sei, eröffne eine „positive theologische Fundierung der Glaubens- und Gewissensfreiheit und der Menschenrechte insgesamt“.

Absage gegen jede Form der Intoleranz

Die christliche Feindesliebe ist für Bünker die zugespitzte und radikalisierte Form der Anerkennung des Anderen. Die christliche Lehre von der Vergebung begründe die Absage von jeder Form der Intoleranz und messianischen Fanatismus und unterstreiche das Recht des Anderen auf sein Anderssein. Damit werde auch der Anspruch der anderen Religion auf Wahrheit anerkannt, führte Bünker weiter aus. Diese Einsicht verbiete jede Rangordnung von Wahrheiten und jede Weltkonstruktion, die von Vollständigkeitsvorstellungen ausgeht, die Defizite der anderen mit sich bringen. Bünker: „Damit ist sowohl die Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Blick, als auch die Absage an alle rassistischen Einstellungen.“ Der Protestantismus mit seiner starken Betonung der Würde und Bedeutung des einzelnen Menschen für den Glauben und die Ethik bringe hier die grundsätzliche Pluralismusfähigkeit der christlichen Religion zum Ausdruck. Dies sei nicht selbstverständlich: Auch im evangelischen Bereich werde seit vielen Jahrhunderten und sogar heute wieder verstärkt aus einem absoluten Wahrheitsanspruch heraus Mission betrieben, die die Bekehrung des Anderen zum Ziel habe und damit sein Anderssein negiere.

Die 20. Internationale Sommerakademie des Friedensforschungszentrums Schlaining, trägt heuer den Titel „Schurkenstaat und Staatsterrorismus. Die Konturen einer militärischen Globalisierung“. Referate, Workshops und Podiumsdiskussionen bilden die Schwerpunkte der Sommerakademie, die am Samstag, 12. Juli, zu Ende geht.

ISSN 2222-2464