Experten fordern „Sozialräume statt Schubladen“

Wolfang Hinte, Sozialarbeitswissenschaftler und Vater des Konzepts Sozialraumorientierung, bei seinem Vortrag. (Foto: Diakoniewerk Gallneukirchen)
Wolfang Hinte, Sozialarbeitswissenschaftler und Vater des Konzepts Sozialraumorientierung, bei seinem Vortrag. (Foto: Diakoniewerk Gallneukirchen)

Martinstift-Symposion zeigte Perspektiven inklusiven Miteinanders auf

Linz (epdÖ) – Weg von „Schubladen“ hin zu Sozialräumen – diese Linie prägte das traditionsreiche Martinstift-Symposion des Diakoniewerks. Mehr als 900 BesucherInnen widmeten sich am 9. Oktober im Linzer Brucknerhaus dem praxisnahen Thema „Sozialraum – Orientierung oder Hype?“. „Das Diakoniewerk hat vor 30 Jahren seine festgefahrene Gewohnheit, nur am Kerngelände in Gallneukirchen Wohnen für Menschen mit Behinderung anzubieten, durchbrochen und ein erstes regionales Wohnangebot geschaffen. Darauf folgten viele weitere Schritte der Regionalisierung, De-Institutionalisierung und Dezentralisierung, parallel dazu sind inhaltliche Schritte zu Selbstbestimmung und Teilhabe gesetzt worden. Mit dem eingeleiteten Prozess der Inklusion und den Voraussetzungen für die Verwirklichung inklusiven Lebens beginnen sich unsere Bilder und Vorstellungen von Sozialraumorientierung in der sozialen Arbeit zu entwickeln, punktuell haben sie auch schon konkrete Form angenommen“, sagte die Rektorin des Diakoniewerks, Christa Schrauf, bei der Eröffnung.

Oft werde der Begriff „Sozialraumorientierung“ rein räumlich verstanden. Kern des Begriffs sei jedoch nicht nur der Raum, der uns umgibt, sondern das, was sich darin abspielt, die Menschen, die diesen Raum prägen. Wolfgang Hinte unterstrich in seinem Einstiegsreferat, dass „Sozialraumorientierung“ als inhaltliches Konzept für soziale Arbeit verstanden werden könne. Über viele Jahre hinweg sei es in der Tradition der Gemeinwesenarbeit, insbesondere in der Jugendhilfe, entwickelt worden und erfahre seit einigen Jahren im Rahmen der Inklusionsdebatte in der Behindertenhilfe enorme Aufmerksamkeit. Hinte betonte, dass es grundsätzlich in der sozialen Arbeit nicht darum gehe, Menschen zu verändern, sondern Verhältnisse zu gestalten, in denen sich Menschen nach ihrem eigenen Lebensentwurf entwickeln können. Der Fokus sei also immer die Umwelt, in der sich die jeweiligen Akteure bewegen.

Heinz Becker, Leiter der Arbeiter-Samariter-Bund Tagesförderungsstätte in Bremen, postulierte in seinem Referat, dass es die Orientierung am Sozialraum brauche, um Arbeit für Menschen mit schwersten Behinderungen und hohem Unterstützungsbedarf zu organisieren. Inklusion funktioniere nur inklusive Arbeit. Inklusion oder Teilhabe könne von ihrem Wesen her nur außerhalb von Sondereinrichtungen im Gemeinwesen stattfinden. „Wir müssen also soziale Prozesse initiieren mit Menschen, die ‚die Nächsten‘ werden könnten, die uns helfen, die mit uns kommunizieren. Das müssen wir für und mit jedem einzelnen Menschen mit schwersten Behinderungen gestalten“, ist Heinz Becker überzeugt.

Armin Oertel aus Hamburg führte in die Hintergründe für den Aufbau der sozialraumorientierten Arbeit der Evangelischen Stiftung Alsterdorf ein. Die im Privaten geleistete Pflege- und Sorgearbeit stoße an ihre Grenzen und sei dabei im Wesentlichen noch immer Aufgabe von Frauen. Außerdem formulierten immer mehr Menschen ihren Anspruch an selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter. Daher sollten die Möglichkeiten für ein inklusives Zusammenleben durch die Schaffung von sicheren (Selbst-)Versorgungsstrukturen und guten Lebensbedingungen verbessert werden, meinte der Hamburger Experte.

ISSN 2222-2464