Evangelische Kirchen wollen protestantisches Profil in Europa stärken

Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) beendete ihre Vollversammlung in Budapest – Neues Präsidium, neuer Generalsekretär, neues Statut und ein neues Büro in Wien

Budapest (epd Ö) – Mit einem Gottesdienst, in dem das neu gewählte Leitungsteam in sein Amt eingeführt wurde, ist am Montag die 6. Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) zu Ende gegangen. „Diese Vollversammlung ist fast schon ein synodales Forum gewesen“, sagte der neue Präsident des Rates der GEKE, Pfarrer Thomas Wipf, bei einer Pressekonferenz am 17. September in Budapest, bei der sich das neue Präsidium und der neue Generalsekretär der GEKE, der Wiener Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker, der Öffentlichkeit vorstellten. Es gehe darum, so Wipf, „die Einheit der Stimme und die Vielfalt der Stimmen des Protestantismus zu zeigen“. Der neue Präsident nannte es als ein „persönliches Ziel, die synodalen Elemente in der GEKE zu stärken“. Hierbei müsse immer auch gefragt werden, welche Funktion eine Synode habe, betonte Prof. Dr. Michael Beintker, neuer Stellvertreter des Präsidenten. „Die GEKE als Zusammenschluss protestantischer Kirchen Europas kann auch als Exportmodell fungieren.“ Dieses Ökumenemodell sei beispielhaft für andere Kontinente, es müsse aber beachtet werden, „wie dieses Modell in anderen Kontinenten umgesetzt werden kann“. Keinesfalls solle die GEKE als „Konkurrenzmodell zu den konfessionellen Weltbünden wie etwa dem Lutherischen Weltbund (LWB) verstanden werden, unterstrich das andere Präsidiumsmitglied, die Stellvertreterin von Wipf, Pfarrerin Stephanie Dietrich aus Oslo. „Wir wollen die protestantische Stimme in Europa besser koordinieren und innerhalb Europas akzentuierter zu Gehör bringen.“

Der neue Präsident der GEKE, Thomas Wipf, ist Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes und seit 1999 Mitglied des Präsidiums der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in der Schweiz. Seit 2004 gehört er dem Präsidium der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) an. Prof. Dr. Michael Beintker ist Direktor des Instituts für Reformierte Theologie in Münster/Westfalen. Pfarrerin Dr. Stephanie Dietrich aus Oslo ist für den Rat für internationale und ökumenische Angelegenheiten der Lutherischen Kirche in Norwegen tätig. Wipf, Beintker und Dietrich bilden das Präsidium, das der 13-köpfige Rat der GEKE aus seiner Mitte wählt. Den neuen Rat hatten die 120 Mitglieder der Vollversammlung am Samstag, 16. September, gewählt.

Wien mit vorbildlichen interreligiösen und ökumenischen Beziehungen

Auf die „sehr guten und tragfähigen Beziehungen zum Islam in Österreich“ wies der neue Generalsekretär der GEKE, der Wiener Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker, hin. „Wenn das Büro der GEKE mit Jahresbeginn 2007 seinen Sitz in Wien nimmt, so geschieht die Arbeit in einem Land mit vorbildlichen interreligiösen und ökumenischen Beziehungen.“ Zugleich seien die Protestanten in Österreich dreifach in der Minderheit: Gegenüber der katholischen Kirche, gegenüber dem Islam und gegenüber der fortschreitenden Säkularisierung: „Wir sind es gewohnt, hier mit gemeinsamer protestantischer Stimme zu sprechen. Dies wird auch der GEKE im europäischen Kontext gut tun.“ Bünker wurde am Sonntag, 17. September, vom neuen Rat einstimmig zum Generalsekretär gewählt.

Erstmals Statut für die GEKE

Erstmals seit ihrer Gründung im Jahr 1973 hat sich die die GEKE ein Statut gegeben. Das von den Delegierten beschlossene Papier beschreibt neben dem Grundlagendokument der GEKE das Selbstverständnis dieses Zusammenschlusses von 105 reformierten, lutherischen, unierten, vorreformatorischen und methodistischen Kirchen, die einander gegenseitig anerkennen. Miteinander verbunden sind die Mitgliedskirchen durch Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft. Zwei Änderungen hält das Statut zur bisherigen Praxis fest: Der 13-köpfige Exekutivausschuss, der zwischen den Vollversammlungen die Geschäfte führt, wird künftig die Bezeichnung „Rat“ tragen, und das Amt des Sekretärs, der das GEKE-Büro leitet, wurde in „Generalsekretär“ umbenannt.

Theologische Arbeit zentral für GEKE

In ihrem einstimmig angenommenen Schlussbericht unterstrich die Vollversammlung die „zentrale Bedeutung der theologischen Arbeit“ für die GEKE. So hat das Gremium die Projektstudie der auf der letzten Vollversammlung in Belfast 2001 aufgegebenen Lehrgespräche zu „Evangelisch Evangelisieren – Perspektiven für Kirchen in Europa“ zustimmend entgegengenommen. Die Vollversammlung empfiehlt den Mitgliedskirchen in Auseinandersetzung mit dem Text, „das eigene evangelisierende Handeln zu überprüfen, zu stärken und weiterzuentwickeln“. Ebenso würdigte die Vollversammlung die Projektstudie „Gestalt und Gestaltung protestantischer Kirchen in einem sich verändernden Europa“. Das ebenfalls in Belfast beauftragte Lehrgespräch habe eine breite Diskussion in den Mitgliedskirchen ausgelöst und vielfältige Stellungnahmen bewirkt. Auch dankte die Vollversammlung der Regionalgruppe Süd-Ost-Mitteleuropa für ihre „ausführliche Studie“ „Kirche gestalten – Zukunft gewinnen“. Sie beauftragte den Rat, sie den Mitgliedskirchen „empfehlend zur Kenntnis zu geben“.

Lehrgespräche zu „Amt, Ordination und Episkopé“ und „Schrift – Bekenntnis – Kirche“

Zwei Lehrgesprächsthemen räumte die Vollversammlung „Priorität“ ein: Zunächst soll der Rat eine Lehrgesprächsgruppe zu „Amt, Ordination und Episkopé nach evangelischem Verständnis“ einsetzen, denn dieses Thema gehöre zu „den Kernfragen im ökumenischen Gespräch“. Dies gelte nicht nur im Gegenüber zu nichtevangelischen Kirchen, sondern auch innerhalb der GEKE. Auch wenn die GEKE seit der Leuenberger Konkordie immer wieder an diesem Thema gearbeitet hat, zeigen diese „wichtigen Etappen gleichwohl die Notwendigkeit umfassender Weiterarbeit an“. Ziel der Lehrgesprächsgruppe ist es, den erreichten Konsens „zu vertiefen und zu entfalten“. Eine weitere Lehrgesprächsgruppe soll zum Thema „Schrift – Bekenntnis – Kirche“ arbeiten. Zum einen begegne in jungen Kirchen und Bewegungen, wie etwa Pfingstkirchen und charismatischen Bewegungen, „oft ein fundamentales oder literalistisches Schriftverständnis, zum anderen wird das Verständnis und die Bedeutung der Bekenntnisse in unseren Kirchen unterschiedlich bestimmt“. Das Verständnis der Schrift und der Bekenntnisse sei „für das Selbstverständnis unserer Kirchen wie auch unserer Kirchengemeinschaft fundamental“. Ziel der Lehrgesprächsgruppe ist die Erarbeitung eines Textes, der die Frage nach dem Schriftverständnis, der Bekenntnishermeneutik und das Verhältnis von Botschaft und Kirchesein untersucht.

Weitere Themen, die die Vollversammlung dem Rat zur Bearbeitung aufgibt, sind unter anderem „Die evangelischen Kirchen vor neuen Herausforderungen und sozialer Gerechtigkeit“ oder nach „geeigneten Formen eines Gesprächs mit der römisch-katholischen Kirche über das Ökumene-Modell der GEKE zu suchen“.

Die Vollversammlung, die sich aus der ehemaligen Leuenberger Delegiertenkonferenz entwickelte, ist das höchste Gremium der GEKE. Die Vollversammlung in Budapest begann am 12. September und endete am 18. September. Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) ist die Organisation fast aller evangelischen Kirchen in Europa. Ihr Gründungsdokument ist die Leuenberger Konkordie von 1973. Bis jetzt haben 104 Kirchen die Leuenberger Konkordie unterzeichnet. Mit der Leuenberger Konkordie wurde die mehr als 450-jährige Epoche der Kirchenspaltung zwischen lutherischen und reformierten Kirchen beendet. Weitere Informationen unter www.leuenberg.net.

ISSN 2222-2464