Europa gehört zur öffentlichen Verantwortung der Kirchen

Kirchenamtspräsident Vietinghoff: Kirchen leisten Beitrag der Gewissensbildung

Wien, 21. Oktober 2005 (epd Ö) – „Die evangelischen Kirchen haben bisher keine europäische politische Vision entfaltet“, sagte der Präsident des Evangelisch-lutherischen Landeskirchenamtes Hannover, Dr. Eckhart von Vietinghoff, in seinem Referat beim Symposion „Evangelische Kirchen und Europa“ am 20. Oktober in Wien. Die Kirchen dürften nicht weiterhin dem „kirchlichen Provinzialismus frönen, denn damit verleugnen sie ihren Auftrag der Friedenssicherung oder den Schutz der Menschenrechte“. Es gehe um den Beitrag der Gewissensbildung und Gewissensschärfung, den die Kirchen den BürgerInnen ermöglichen müssten, nicht etwa darum, selbst Politik zu machen. Europa gehöre zur öffentlichen Verantwortung der Kirchen und sei die ökumenische Verantwortung schlechthin. Daher könne auch der ökumenische Gedanke der „versöhnten Verschiedenheit“ als Modell für Europa gelten, bei dem keiner der Partner Angst davor habe, dass er sich verändert. Vietinghoff regte ein aus Laien und Kirchenvertretern zusammengesetztes europäisches Forum an, „das sich gelegentlich trifft. Dabei sei nicht eine Rekonfessionalisierung Europas das Ziel, erreicht werden solle vielmehr, „dass wir einander besser kennen lernen um das Evangelium besser zu verkündigen“. Dafür seien auch themenbezogene Begegnungen ein „gutes Instrument“.

Uhl: Konfessionelle Union in Mitteleuropa

„Von ihrer Existenzbestimmung kann die evangelische Diaspora keine Grenzen kennen“, führte Prof. Dr. Dr. Harald Uhl in seinem Beitrag „Der österreichische Protestantismus: Chancen und Grenzen einer Diasporakirche im Europa von morgen“ aus. Uhl erläuterte ein grenzüberschreitendes Diasporamodell der Evangelischen Kirche A.B. gemeinsam mit den Lutherischen Kirchen der Slowakei und Sloweniens zur „Mitteleuropäischen Lutherischen Kirche“, die zu weiteren grenzüberschreitenden Kirchengemeinschaften einlade „und damit aus der Zerstreuung der Diaspora ein Signal der Sammlung von Kompetenz gibt“. Für eine solche konfessionelle Union in Mitteleuropa gebe es viele historische Ansatzpunkte, für die Zukunft sieht Uhl zunächst die Nutzung von vorhandenen Funktionsbereichen wie das evangelische Schulwesen oder die diakonische Arbeit der drei Nachbarkirchen. „Gute Gemeinsamkeiten“ konstatiert Uhl auch bei der Zusammenarbeit der Theologischen Fakultäten in Wien und Bratislava: „Eine konfessionelle Union in Mitteleuropa kann nur auf der Grundlage intensiver theologischer Zusammenarbeit gefunden werden. Die Zusammenarbeit beider Fakultäten ist auch heute lebendig.“ Auch sei ein „vertrauensvolles Verhältnis“ der Kirchenleitungen untereinander Grundlage der Union.

Moderiert hat den Tag der stellvertretende juristische Oberkirchenrat der Evangelisch-lutherischen Kirche in Österreich, Dr. Raoul Kneucker. Veranstaltet wurde das Symposion „Evangelische Kirchen und Europa“, das von 19. bis 20. Oktober im Wiener kardinal könig haus stattfand, von der Evangelischen Kirche A.B., der Evangelischen Kirche H.B. und der Evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich.

ISSN 2222-2464