Ethik kein Ersatz für Religion

„Standard“-Debatte im Wiener Museumsquartier – Körtner: Ruf nach Ethik ist Krisensymptom

Wien, 16. Dezember 2005 (epd Ö) – Der Ethikunterricht – ursprünglich konzipiert als Ersatz für den Religionsunterricht – soll in der Schule einen eigenen Stellenwert bekommen. Darin waren sich die Diskutanten bei der „Standard“-Debatte am Donnerstagabend im Wiener Museumsquartier einig. Über das Verhältnis zwischen Ethik- und Religionsunterricht diskutierten der evangelische Theologe Ulrich Körtner, die Leiterin des Schulamtes der Erzdiözese Wien, Christine Mann, der Philosoph Peter Kampits, der Politologe Anton Pelinka und der Integrationsbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft und SPÖ-Politiker Omar Al-Rawi.

Ein Ethikunterricht darf kein Ersatz für den Religionsunterricht sein, betonte Ulrich Körtner und warnte vor einem Ethikunterricht als „eine Art Religionsunterricht, wo man sich nicht deklariert“. Der wertanschaulich neutrale Staat brauche ein Reservoir an Werten, das etwa die Religionen füllen. Mehrfach wiesen Körtner und Kampits auf den Unterschied zwischen Ethik und Moral hin. Moral könne nicht vom Staat vorgeschrieben werden, sondern sei im Menschen angelegt, so etwa Körtner. Ethik hingegen reflektiere Moralsysteme, erklärte Kampits, der den Ethikunterricht in einer wertepluralen Gesellschaft „nicht als Verdrängung, sondern als Ergänzung“ des Religionsunterrichts sieht. Für Körtner ist der Ruf nach Ethik Krisensymptom, „dass etwas in der Gesellschaft nicht stimmt“. Auf die Krise der pluralistischen Gesellschaft könne jedoch nicht mit Moral geantwortet werden. Weder Ethik- noch Religionsunterricht hätten das Monopol für den Zusammenhalt der Gesellschaft. In diesem Zusammenhang plädierte Körtner für „realistische Erwartungen“ und warnte davor, den Ethikunterricht „mit Defiziten, die er ausgleichen soll“ zu überfrachten.

Pelinka: Normalität für den Schulversuch

Die Anfänge des Ethikunterrichts sind die Folge einer umfassenden Säkularisierung, analysierte Anton Pelinka. Der Politologe kritisierte, dass der Ethikunterricht oft als Lückenbüßer für den Religionsunterricht gesehen werde. Ein Ethikunterricht, der unabhängig vom Religionsunterricht einen eigenen Stellenwert habe, beinhalte eine große Chance. Pelinka forderte „Normalität“ für den derzeitigen Schulversuch „Ethik“: als eigenes Fach, mit eigenem Curriculum und mit professioneller Aus- und Fortbildung der LehrerInnen.

Dass das in der Gesellschaft geortete Defizit an Ethik nicht ein grundsätzliches Problem der Schule sei, hob die katholische Theologin Christine Mann hervor. Zwischen Ethik- und Religionsunterricht herrsche ein „konstruktives Verhältnis“. Ethik sei weder Ersatz noch Alternative zu Religion, sagte Mann und wies auf die Zielformulierungen des österreichischen Schulwesens hin: Dass Bildung eine religiöse, ethische und philosophische Dimension aufweisen müsse, sei in allen Lehrplänen festgeschrieben. Die Vorstellung, im Religionsunterricht müssten „Dogmen hingenommen werden, während im Ethikunterricht rational und argumentativ vorgegangen werde“, wies Mann als überholt und „undifferenziert“ zurück. Zugleich warnte die Leiterin des erzbischöflichen Schulamts vor einem Unterricht, der sich ausschließlich den Paradigmen der Anpassung und Nützlichkeit unterwerfe. Mann: „Wir brauchen einen selbstbewussten Ethik- und einen selbstbewussten Religionsunterricht, die miteinander im Dialog stehen.“

Al-Rawi: Wertvoller interreligiöser Dialog

An Österreichs Vorbildcharakter im Umgang mit Muslimen erinnerte der Integrationsbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Omar Al-Rawi. Seit 1982 gebe es den Islamunterricht, für Al-Rawi ein „Zeichen der Anerkennung und Gleichberechtigung“. Der Wiener Landtagsabgeordnete lobte den hervorragenden interreligiösen Dialog im Bereich des Unterrichts. Das Bekenntnis zu Integration, zu einem einheitlichen Stoff und zum Unterricht an der Schule habe verhindert, „den Islamunterricht in Hinterhöfe zu verlagern“. Gemeinsam mit Körtner forderte Al-Rawi, dass die Finanzierung des Ethikunterrichts nicht auf dem Rücken des Religionsunterrichts erfolgen dürfe. Die Verdrängung des Religionsunterrichts auf unattraktive Randstunden stelle gerade für Minderheiten eine ernste Gefahr dar.

ISSN 2222-2464