„Der Glaube war immer ein Stück größer als die Angst“

"Wende"-Pfarrer Christian Führer bei einem Vortrag im Linzer Evangelischen Studentenheim Dietrich Bonhoeffer (Foto: epd/M. Uschmann)
"Wende"-Pfarrer Christian Führer bei einem Vortrag im Linzer Evangelischen Studentenheim Dietrich Bonhoeffer (Foto: epd/M. Uschmann)

„Wende“-Pfarrer Führer erzählte in Linz von der friedlichen Revolution in der DDR

Linz (epdÖ) – „Keine Gewalt ist die Botschaft der Bergpredigt in zwei Worte gefasst“, erklärte Pfarrer Christian Führer bei seinem Vortrag über die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR im Linzer Evangelischen Studentenheim Dietrich Bonhoeffer am 9. Februar. Führer war ab 1980 Pfarrer an der Nikolaikirche in Leipzig. Er begleitete und betreute von Beginn an die Friedensgebete, die 1989 in die Montagsdemonstrationen gegen das DDR-Regime mündeten und mit zum Fall der Berliner Mauer sowie der Wiedervereinigung Deutschlands beitrugen.

Die Christinnen und Christen in der ehemaligen DDR hätten von Anfang an Widerstand gegen die Politik der Regierungspartei SED geleistet. Dieser Weg sei immer auch mit Angst verbunden gewesen. „Aber der Glaube war immer ein Stück größer als die Angst“, erzählte Führer. Die Arbeit der Kirche gegen die Diktatur bezeichnete er als „senfkornmäßig“: „Das Senfkorn waren die wöchentlichen Friedensgebete. Diese haben geholfen, die Mauern in den Köpfen zu überwinden.“

Unter dem Motto: „Offen für alle“, das draußen vor der Kirche zu lesen war und ist, öffneten Führer und seine MitarbeiterInnen die Nikolaikirche für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppierungen, Künstler und Menschen, die mit dem DDR-Regime nicht klar kamen und unzufrieden waren. Allein zu dem Abend, der das Thema „Leben und bleiben in der DDR“ trug, kamen 600 Bürgerinnen und Bürger. Es seien verzweifelte Menschen gewesen, die ausreisen wollten und vor der Frage standen, ob sie wirklich alles hier aufgeben sollten. „Es war ja nicht klar, ob sie je wieder zurückkommen konnten in die DDR um Familie oder Freunde zu besuchen“, erinnert sich Führer.

Als dann am 9. Oktober 1989 rund 70.000 Bürgerinnen und Bürger, ausgehend von der Nikolaikirche zu einer weiteren friedlichen und gewaltlosen Demonstration aufbrachen, sei klar geworden, dass jetzt alles anders werden wird. „Die DDR war nicht mehr dieselbe“, so Führer. Einen Monat später öffneten die DDR-Behörden nach 28 Jahren erstmals wieder die Grenze zur Bundesrepublik Deutschland.Dass diese Revolution so erfolgreich war, liegt aus Sicht Führers nicht daran, dass die Menschen 1989 unzufriedener und wütender gewesen sein als in den Jahren zuvor. „Erstmals spielte die Kirche eine entscheidende Rolle, überall sonst war Kirche nicht dabei.“ Neben dem Glauben hätte ihm aber auch sein Humor bei seiner Arbeit als Pfarrer der Nikolaikirche geholfen, zeigt sich Führer überzeugt. Er hätte immer wieder dazu beigetragen, dass sich die Stimmung ein wenig lockerte und die Menschen etwas entspannen konnten. „Humor ist ein wunderbarer Bruder des Glaubens. Leider wurde er noch nicht heilig gesprochen“, sagte Führer.

Im Anschluss an seinen Vortrag wurde Pfarrer Christian Führer in die „Bibliothek der Zivilcourage“ im Bonhoeffer-Heim aufgenommen. „Ich bin sehr glücklich, Pfarrer Führer mit der Aufnahme in die Bibliothek der Zivilcourage ehren zu dürfen“, so Oberkirchenrat Klaus Köglberger, Vorstand des Vereins Evangelisches Studentenheim Linz. Die „Bibliothek der Zivilcourage“ im Kellergeschoß des ESH ist eine Würdigung zivilcouragierter Menschen und hält Lebensläufe und Literatur bereit.

Durch den Abend führten Heimleiter Johann Berger und Hans-Peter Kirchgatterer, Mitglied des Vorstands des Vereins Evangelisches Studentenheim Linz. Die Veranstaltung wurde von Margarita Mitsou am Klavier musikalisch umrahmt.

ISSN 2222-2464