Demut und Nachhaltigkeit statt Gier?

Podiumsdiskussion der Industriellenvereinigung – Bünker: Jedes Maß verloren

Wien (epd Ö) – Folgt nach der Krise die ethische Wende? Lösen Demut und Nachhaltigkeit die Gier ab? Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine recht unterschiedliche Runde im Rahmen einer Podiumsdiskussion, zu der am Freitag, 8. Mai, die Industriellenvereinigung in das Haus der Industrie in Wien geladen hatte. Unter der Leitung von Furche-Chefredakteur Rudolf Mitlöhner diskutierten der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, „Erste“-Chefanalyst Friedrich Mostböck, „Mondi“-Chef Peter Oswald, der Wirtschaftsjournalist Walter Sonnleitner und Alexandra Strickner vom „Attac“-Vorstand.

Eine ethische Wende konnten die DiskussionsteilnehmerInnen noch nicht bemerken, eher eine „Rückbesinnung auf Werte“, wie Friedrich Mostböck meinte. Trotz unterschiedlicher Zugänge und Erklärungsversuche für die Krise war sich die Runde einig, dass der Staat in seiner Regulierungsaufgabe versagt habe, die Deregulierung im Finanzsystem sei „zu weit“ gegangen. Mostböck sieht die Hauptschuld für die Krise in den USA. Was durch die leichtfertige Kreditvergabe begonnen habe, sei letztlich „wie ein Kartenhaus“ zusammengestürzt. Den USA sei es gelungen, die Krise zu exportieren. Mitgeholfen hätten dabei globale Banken, die hier „Risiken eingegangen sind, die in keinem Verhältnis zu ihrem anderen Geschäft standen“. Für Walter Sonnleitner ist „Gier“ kein Wirtschaftsbegriff, sondern werde verwendet „um ideologische Ziele anzupeilen“. Die Hauptursache für die Krise sei, dass Realwirtschaft und Geldwirtschaft nicht übereinstimmten, „wenn Luftgeschäfte und virtuelles Geld in die Realwirtschaft eindringen und die Politik das nicht verhindert“. Nach der Krise sei jedenfalls vor der Krise, ohne die kein Aufschwung möglich sei.

Ursachenanalyse statt Schuldigensuche

Peter Oswald will lieber „Ursachenanalyse statt Schuldigensuche“ betreiben. Mittelfristig kann er sich durchaus ein „bewussteres Konsumieren“ vorstellen, langfristig werden sich „die Menschen allerdings nicht ändern“. Anders als Mostböck ortet der CEO des Verpackungsriesen die Verantwortung für die Krise nicht nur über dem Atlantik: Österreich habe massiv von der Ostöffnung profitiert, hohes Tempo sei einhergegangen mit hohem Risiko, etwa bei den Euro-Krediten, die im Osten vergeben wurden. „Wir alle haben in den letzten 30 Jahren eine Riesenparty gefeiert“, so Oswald wörtlich, „wir alle haben es genossen.“

Ein guter Teil der österreichischen Bevölkerung habe es ganz und gar nicht „genossen“, hielt dagegen Bischof Bünker fest. Es sei Aufgabe der Kirche, Stimme dieser Menschen zu sein und immer wieder deren Anliegen vorzubringen. Ethisch betrachtet gehe es vor allem um die Frage des Maßes. „Jetzt haben wir das Resultat des ‚too much is not enough'“, sagte Bünker und erinnerte an die biblische Tradition einer „Ökonomie des Genug“. Menschen würden nicht mehr die Folgen ihres Tuns sehen, „jedes Maß ist verloren“ angesichts der Milliarden- und Billionen-Zahlen. „Credo und Kredit“ hängen, so der Bischof, ursächlich zusammen. Beides habe mit Vertrauen zu tun, das verlorengegangen sei und auch „mit Geld und Maßnahmenpaketen“ nicht wiederherzustellen sei. Vielmehr ginge es darum zu verhindern, „dass sich immer mehr Menschen im freien Fall“ befinden. Statt „defensiver Feuerwehraktionen“ brauche es zukunftswirksame Maßnahmen wie etwa Investitionen in den sozialen Sektor.

Allianz der Zivilgesellschaft

Während Peter Oswald keinen Grund für eine Veränderung des herrschenden Systems erkennen kann und die Aspekte einer sozialen Marktwirtschaft deutlicher hervorgekehrt sehen will, forderte Alexandra Strickner vom globalisierungskritischen Netzwerk „Attac“ völlig neue Spielregeln. Weil allerdings „diejenigen, die neue Regeln setzen könnten, es nicht tun“, brauche es eine „breite Allianz der Zivilgesellschaft, um Druck auszuüben“. Die derzeitigen Machtstrukturen ließen jedoch kaum Chance auf Veränderung. Die Hauptursachen für die weltweite Krise liegen für Strickner in der Deregulierung der Finanzmärkte seit den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, im Fehlen eines sozialen Wohnbaus in den USA, was letztlich die Kreditmisere bei Immobilien verstärkt habe, und im Versagen des Staates in der Kontrolle neuer Finanzakteure. In den letzten Jahren sei eine Umverteilung von unten nach oben erfolgt, „10 Prozent der österreichischen Bevölkerung gehören 66 Prozent des Vermögens“. Die Politik habe in den letzten Jahren „im Interesse einiger weniger“ gehandelt. Strickner: „Wir brauchen einen tiefgreifenden Systemwandel und ein Wirtschaftsmodell, das uns auch ökologisch nicht an die Wand fährt.“

ISSN 2222-2464