Demokratie und humane Gesellschaft brauchen Religion

"Ermutigung statt Angst. Politik und Kirchen zwischen Vertrauen und Misstrauen" war Thema eines internationalen Symposiums im Stift St. Florian nahe Linz, das für reges Interesse sorgte. (Foto: Kerschbaummayr)
"Ermutigung statt Angst. Politik und Kirchen zwischen Vertrauen und Misstrauen" war Thema eines internationalen Symposiums im Stift St. Florian nahe Linz, das für reges Interesse sorgte. (Foto: Kerschbaummayr)

Reiner: „Zusammenarbeit von Staat und Kirchen hat sich bewährt“

Wien (epdÖ) – Eine demokratische Gesellschaft braucht die Religion. Das war der Tenor eines internationalen Symposions im oberösterreichischen Stift St. Florian. Landeshauptmann Josef Pühringer, der frühere deutsche Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, die evangelisch-lutherische Oberkirchenrätin Hannelore Reiner und der Innsbrucker römisch-katholische Bischof Manfred Scheuer beleuchteten das Thema „Ermutigung statt Angst. Politik und Kirchen zwischen Vertrauen und Misstrauen“ aus verschiedenen Perspektiven.

Oberkirchenrätin Reiner stellte die Frage, wie Menschen heute zu einem neuen Vertrauen zu Kirche und Politik gelangen können. Sie nannte Beispiele, in denen sich die Zusammenarbeit von Kirche und Staat bewährt habe, etwa im Religionsunterricht, oder die derzeit politisch diskutierten Themen Asylpolitik, Sterbehilfe sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Sowohl beim Religionsunterricht als auch beim Bundesheer und noch in etlichen anderen Bereichen, beispielsweise im Bereich der Diakonie, hat sich das Zusammenwirken von Staat und Kirche bewährt“, betonte Reiner.

Als Beispiel eines gelingenden Dialogs, der auch die Unterschiede und Konflikte nicht verschweigt, stellte die Oberkirchenrätin die ökumenische Zusammenarbeit innerhalb der verschiedenen protestantischen Kirchen vor. Hier gelte der Leitspruch: „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“. Konflikte würden nicht verschwiegen, Vertrauen werde aufgebaut. Dies könne Vorbildwirkung für das Verhältnis von Kirche und Staat haben. Kirche habe als Gegenüber zur Politik zudem die Aufgabe, soziale Gerechtigkeit, Würde, Mitbestimmung, Freiheit und Gnade einzufordern, hielt Reiner fest.

Es brauche eine grundsätzliche Übereinstimmung über das ethische Fundament einer gelingenden Demokratie. Dafür seien alle Bürger verantwortlich, insbesondere aber die Kirchen und Religionen, sagte Wolfgang Thierse. „Christen sind nicht neutral, aber auch keine Richter. Sie sind aufgefordert, sich zu beteiligen. Der christliche Glaube schützt vor einer Absolutsetzung von Politik und vor Ideologisierung. Eine demokratische Gesellschaft braucht die Religionen.“

Landeshauptmann Pühringer will nicht an einen Bedeutungsverlust der christlichen Kirchen glauben. Die Trennung von Kirche und Staat sei in Österreich unbedingt anzuerkennen, was die Kirchen aber nicht von ihrer politischen Verantwortung entbinde: „Die Frage nach dem Sinn darf niemals zur reinen Privatsache gemacht werden. Wir brauchen die Wächterfunktion der Kirchen, um auf Schwächen und Fehler des politischen Systems hinzuweisen.“

Die Kirchen könnten einen Beitrag zur „Tiefenpolitik“ leisten, so Bischof Scheuer. Sie müssten die Frage nach dem leitenden Menschen- bzw. Gesellschaftsbild hinter den politischen Dimensionen stellen. Und sie müssten die orientierungsstiftenden Prinzipien eines Staates hinterfragen – in Hinblick auf Gerechtigkeit, Gemeinwohl, Menschenwürde, die Option für die Armen sowie soziale und ökologische Verträglichkeit.

Das Symposion in St. Florian wurde vom Stift, dem Sozialreferat der Diözese Linz, dem Katholischen Bildungswerk der Diözese Linz, dem Evangelischen Bildungswerk Oberösterreich sowie dem Institut für Pastorale Fortbildung (IPF) veranstaltet.

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ISSN 2222-2464