Bünker: Zeitalter des bloßen Duldens überwunden

Ein „Montagsgespräch“ über den „Minarett-Konflikt“

Wien (epd Ö) – Minarett ja oder nein? Für Alev Korun die falsche Frage, für Anas Schakfeh eine prinzipielle. Beim „Montagsgespräch“ des „Standard“ diskutierten am 13. September im Wiener Haus der Musik neben der Integrationssprecherin der Grünen und dem Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, der Autor und Regisseur Otto Brusatti und der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger über den „Minarett-Konflikt“.

 

Die Debatte auf die Frage des Minaretts zu reduzieren sei „absurd“, meinte Alev Korun in dem von Gerfried Sperl moderierten Gespräch. Die öffentliche Diskussion habe sich in den letzten Jahren „nicht weiterbewegt“. Stattdessen sollte es um die Frage gehen, „wie können wir einander mit Respekt begegnen und eine bessere Integration der Muslime in Österreich erreichen?“. Entscheidend seien hier soziale Fragen und der Bildungsbereich, nicht „ob ein Minarett 10 oder 15 Meter hoch ist“. Die Mehrheit der Muslime habe „andere Sorgen, sie wollen als Menschen respektiert und nicht ins Terroreck gestellt werden“.

 

Dass die obrigkeitliche Zulassung von Minderheiten möglich sei, „solange sie unsichtbar bleiben“, ist für Michael Bünker „typisch österreichisch“ und zeige zugleich die Hilflosigkeit im Umgang mit religiösen Symbolen. „Das Zeitalter des Duldens, der Toleranz, haben wir überwunden und befinden uns im Zeitalter der Menschenrechte“, sagte der Bischof.

 

Schakfeh: Wollen sichtbar sein und nicht provozieren

 

„Über Grundrechte diskutiert man normalerweise nicht“, führte Anas Schakfeh den Gedankengang weiter. Auch dem Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft geht es nicht um „Höhe und Größe des Minaretts“, sondern um das Prinzip „Darf ich mein Gotteshaus so errichten, wie sich das die Betroffenen vorstellen?“, selbstverständlich unter Einhaltung der Bauordnungen, wie Schakfeh ergänzte. Statt „Gebetsstätten in Kellern und Hinterhöfen“ wünscht sich der Präsident „schöne einladende Moscheen“. Dass der Anblick einer Moschee als Provokation empfunden werde, kann Schakfeh nicht nachvollziehen: „Wir wollen sichtbar sein und nicht provozieren.“

 

Otto Brusatti kritisierte den geschlossenen Charakter des Islam. Bei seinen Versuchen, mit islamischen Zentren Kontakt aufzunehmen – „ich erzählte, dass ich mit meiner Frau gerne das religiöse Leben kennenlernen wollte“ – habe er entweder keine Auskünfte bekommen oder sei abweisend behandelt worden, während er im selben Test bei christlichen Kirchen offene und einladende Reaktionen erlebt habe. Für Schakfeh ein „oberflächlicher Eindruck, der nicht der Realität“ entspreche. Die Islamische Glaubensgemeinschaft veranstalte Tage der offenen Tür und ermuntere ihre Mitglieder, Nachbarn einzuladen. Dass „Moscheen im Allgemeinen offenstehen“, betonte auch der im Publikum anwesende Integrationsbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Omar Al-Rawi.

 

Verzerrtes Bild des Islam

 

Die in der Bevölkerung geschürte Angst habe nicht „die 500.000 aufgeklärten Muslime bei uns, sondern die Milliarde woanders“ im Blick, meinte Brusatti weiter, während Thomas Schmidinger den Fokus auf die politischen Systeme lenkte. So sei in einem politischen Umfeld der Religionsfreiheit wie in Europa die Geburtenrate unerheblich. Muslime würden nicht als „homogener Block“ auftreten, der „Europa überrennt“. Nicht die Zahl sei relevant, sondern die Frage: „Was für einen Islam haben wir in Europa?“ Statt über „heikle“ inhaltliche Fragen wie nach der Toleranz bei Glaubensabfall oder der Haltung gegenüber Homosexuellen zu sprechen, diskutiere man über Minarette. Kritisch hinterfragte der Politologe auch den Alleinvertretungsanspruch der Islamischen Glaubensgemeinschaft, die etwa die Gruppe der Aleviten nicht aufnehme. Als Problem sieht Schmidinger auch die Nähe einzelner stark sichtbarer Gruppen zu reaktionären ausländischen Regimen, während die Mehrheit der Muslime sich still verhalte und so ein verzerrtes Bild des Islam entstehe.

 

Gegen das durch Medien vermittelte Islam-Bild wandte sich auch Alev Korun: So gebe es „nicht nur betende Männer oder verhüllte Frauen“, sondern auch viele „Taufschein“-Muslime, die „große Palette der Lebensentwürfe“ werde in den Medien nicht sichtbar, stattdessen würden Negativ-Bilder transportiert.

 

Als „besorgniserregend“ beschrieb Michael Bünker die Gleichsetzung „Ausländer = Muslime“ und den undifferenzierten Umgang mit Religion. „Ich wünsche mir Kompetenz für Religion in Politik und Medien.“ Wie könne es sonst passieren, dass ein „narrischer Fundamentalist in den USA mit bloß 50 Anhängern auf alle Titelseiten kommt“? Der Islam sei in Europa angekommen. „Menschen sind mit ihrer Religion gekommen, und sie bleiben“, nun stelle sich die Herausforderung, „wie wir damit umgehen“. Bünker erinnerte an die Situation in der Schweiz nach dem Minarettverbot. Hier hätten auch die Kirchen erkennen müssen, „dass es nicht reicht, auf die Menschenrechte zu pochen“. Vielmehr gehe es darum, „die Menschen zu erreichen“. „Wir brauchen Begegnung, ein Aufeinanderzugehen von beiden Seiten“, befand Bünker: „Hier gibt es noch viel zu tun.“

ISSN 2222-2464