Bischof Sturm: Sprache einüben, die Zukunft hat

Podiumsdiskussion zum Verhältnis Österreich – Tschechien in der Evangelischen Akademie

Wien, 4. Dezember 2002 (epd Ö) „Wir können zerstörtes Leben nicht zurückholen“, sondern „wir müssen eine Sprache einüben, die Zukunft hat“, sagte der evangelisch-lutherische Bischof Herwig Sturm bei einem Diskussionsabend am 27. November in Wien mit Blick auf die belastete Vergangenheit zwischen Österreich und Tschechien. Die Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi gab zu bedenken, dass der Dialog in Österreich oft „von oben herab“ geführt werde. „Das Erbe des tschechischen Dienstboten wirkt nach“, meinte die Journalistin. Diese „Ungleichheit der Wahrnehmung“ sollte ausgeglichen werden. „Wenn wir die Geschichte schon nicht teilen, so sollten wir sie kennen.“

Direktor Jirí Silny von der Ökumenischen Akademie Prag ortet die Hauptursache der für ihn überbewerteten nationalen und kulturellen Probleme darin, dass diese für eine populistische Politik in beiden Ländern genutzt werden. „Wir sollten gemeinsame Probleme gemeinsam lösen“, meinte Silny. Die Kirchen seien an der Wende stark beteiligt gewesen, der Erwartung, das ideologische Vakuum danach zu füllen, wurde jedoch nicht entsprochen. Silny: „Das ist eine verpasste Chance.“

„Die Kirchen haben eine priesterliche und prophetische Funktion“, sagte Bischof Sturm. Sie müssten Versöhnungsarbeit leisten, die Wahrheit benennen und Zeichen setzen. Karl Schwarzenberg, ehemaliger Kabinettsleiter der tschechischen Präsidenten Václav Havel, vermisste den Protest der Kirchen zu den Ereignissen in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts: „Es wurde kein klares Wort gegen die Vertreibungen gesagt.“ Seit 1989 würden aber Versöhnungshandlungen gesetzt, auch wenn der Einfluss der Kirchen in Tschechien durch eine zunehmende Entchristlichung gering sei.

Die Veranstaltung der Evangelischen Akademie Wien zum Thema „Österreicher und Tschechen – Der Beitrag der Kirchen zur Klärung eines schwierigen Verhältnisses“ wurde vom außenpolitischen Redakteur des „Standard“, Josef Kirchengast, moderiert. In der Publikumsdiskussion waren die so genannten Benes-Dekrete und die Vergangenheitsbewältigung Mittelpunkt vieler Wortmeldungen. Am Schluss stand der Wunsch, den Blick nach vorne zu richten. „Wir dürfen die Trauer nicht verschweigen, aber wir müssen einen Weg der Versöhnung gehen und einander mit Würde behandeln“, meinte Bischof Sturm.

ISSN 2222-2464