Bischof Bünker in der „Pressestunde“: Stärken des Protestantismus sichtbar machen

Ökumene in „Verlangsamungsphase“ – „Moscheen im Dorf lassen“ – Friedliches Zusammenleben nur in gegenseitigem Respekt – Integration: Positivanreize statt Sanktionen

Wien (epd Ö) – Um die Kirche attraktiver zu gestalten, will der neue evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker die „Stärken des Protestantismus deutlicher sichtbar machen“. Vor allem im Sozial- wie auch im Bildungsbereich gebe es ein glaubwürdiges evangelisches Engagement, betonte der Bischof in der ORF-„Pressestunde“ am Sonntag, 3. Februar.

Im Gespräch mit der Chefredakteurin der Tageszeitung „Der Standard“, Alexandra Föderl-Schmid, und dem ORF-Journalisten Robert Stoppacher erinnerte Bünker an das „einzigartige“ ökumenische Klima in Österreich. Religionen seien nicht Produkte, die „auf dem Markt konkurrieren“. Zum Islam etwa gebe es eine „sehr gute Beziehung auf allen Ebenen“, die von den demografischen Entwicklungen nicht beeinträchtigt werden könne. Was das Verhältnis zur Römisch-katholischen Kirche betrifft, erwartet sich der lutherische Bischof unter Papst Benedikt XVI. „keine Fortschritte“. Dass sich in der Frage der Anerkennung der protestantischen Kirchen seit 40 Jahren nichts geändert habe, sei „bedauerlich“. Die Ökumene sieht Bünker in einer „Verlangsamungsphase“, zentrales Problem bleibe das Amtsverständnis. Für Evangelische sei letztlich eine Position „unter dem Papst“ unvorstellbar. Dass sich spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Ökumene in Österreich in einer „Schönwetter“-Phase befinde, sei vor allem Kardinal König zu verdanken. Er habe die Basis geschaffen, dass sich die „Mehrheits- und die qualifizierte Minderheitskirche auf gleicher Augenhöhe“ begegnen können. Kirche sei ohne Mission nicht denkbar. „Die Evangelische Kirche will attraktiv, offen und einladend sein“, bekräftigte der Bischof, „Menschen, die auf der Suche sind, sollen wissen, wofür die Evangelische Kirche steht.“

Der Bau von Moscheen gehöre zur „öffentlichen Form der Religionsausübung“. Das hätten die Evangelischen Kirchen bereits im vergangen Sommer deutlich erklärt, erinnerte Bünker. Die Evangelische Kirche habe selbst in ihrer Geschichte Einschränkungen der Religionsfreiheit erlebt. „Es tut uns gut, die Moscheen im Dorf zu lassen“, sagte der Bischof und plädierte für Gelassenheit im Umgang mit dem Thema, das gerade in Wahlkampfzeiten für Stimmungsmache und Stimmenfang missbraucht werde. Bünker: „Ich möchte nicht, dass Moscheen, der Stephansdom, die Bibel oder der Koran auf Wahlkampfplakaten auftauchen.“ Hier werde die Evangelische Kirche „immer ihren Protest erheben“. Es brauche einen „Respekt vor dem, was Menschen heilig ist“. Ohne gegenseitigen Respekt und eine Kultur der Wertschätzung könne es kein friedliches Zusammenleben geben.

Es sei nicht Aufgabe der Kirchen, „im Spiel der Parteien Rat zu geben“, aber zu Grundsatzfragen des politischen Zusammenlebens dürfen, so Bünker, Kirchen nicht schweigen, „denn auch wer schweigt, nimmt damit Stellung“. Im Zusammenleben ortet der Bischof ein „stärkeres Neben- und Gegeneinander“, die Kirchen wollten sich hingegen einsetzen für ein stärkeres „Mit- und Füreinander“.

Mehr Solidarität brauche es etwa bei der Abdeckung des Pflegerisikos aber auch in der Frage der Integration. Hier begrüßt der Bischof, dass nun nach Vorliegen des Integrationsberichts konkrete Maßnahmen folgen sollen. Integration werde zu oft nur als Sicherheitsproblem gesehen. Vielmehr sollte durch eine Positivkampage herausgearbeitet werden, „dass Integration etwas ist, von dem wir alle profitieren“. Die Verdoppelung der Stundenzahl bei den Deutschkursen hält Bünker für positiv, ebenso eine verstärkte Alphabetisierung in der Muttersprache und ein gemeinsames Jahr vor der 1. Volksschulklasse, um die Sprachfähigkeiten zu erwerben. Generell will Bünker lieber „Positivanreize“ statt Sanktionen. Integration sei keine „Einbahnstraße“, es brauche die Bereitschaft, Deutsch zu lernen ebenso wie die Anerkennung der in Österreich herrschenden Grundrechtsstandards, der Gleichstellung von Mann und Frau oder der Trennung von Religion und Politik. Zuwandernde sollten laut Bünker auch am politischen Leben partizipieren können.

Der Bischof bekräftigte die Forderung nach einem humanitären Aufenthaltsrecht, „aber nicht nur für Arigona Zogaj“. Bleiberecht sollten alle jene Zuwanderer etwa nach fünf Jahren erhalten, die „gut integriert sind und unverschuldet lange auf eine Entscheidung gewartet haben“. Das sei kein Präjudiz, sondern eine Möglichkeit, „eine Last der Vergangenheit zu bereinigen“.

In der Frage des Tschad-Einsatzes ist für Bünker entscheidend: „Wem dient der Einsatz?“ Wenn es wie in diesem Fall um den Schutz von Flüchtlingen gehe, „kann es Verantwortung sein, nicht zuzuschauen, sondern in angemessener Weise Hilfe zu bieten“, humanitäre Interventionen bräuchten allerdings den Willen aller Beteiligten. Dem „gerechten Krieg“ erteilte Bünker eine Absage, vielmehr gehe es um ein „Konzept des gerechten Friedens“.

Beim Thema „Pflege“ sprach sich der evangelisch-lutherische Bischof für den vermehrten Ausbau von Tagesstätten und mobilen Diensten aus. Positive Beispiele gebe es etwa in Schweden, „nicht zufällig ein protestantisches Land“. Weil die Schere zwischen Arm und Reich immer stärker auseinanderklaffe, gelte es zu überlegen: „Was ist das richtige Maß?“ Derzeit beobachte er eine Entwicklung, „die das Vermögen und die Leistung nicht mehr in ein Maß zueinander bringt“. Die bedarfsorientierte Grundsicherung sollte, so Bünker, jedenfalls „möglichst rasch“ umgesetzt werden.

Zur Mitschuld der Evangelische Kirche in den Jahren des Nationalsozialismus sagte Bünker: „Heute versuchen wir, zu dieser Geschichte offen zu stehen, nichts zu verschweigen und aus der Geschichte zu lernen, indem wir falsche und irrige Meinungen korrigieren.“ Die Evangelische Kirche bemühe sich um ein vertrauensvolles Verhältnis zur Israelitischen Kultusgemeinde, das heurige Schwerpunktjahr „Auf dem Weg der Umkehr“ soll überprüfen, „was verbessert werden kann“.

ISSN 2222-2464