Bischof Bünker für Gesamtschule und Bundeskompetenz

Unzufriedenheit mit „Abschleifungen“ bei Budget – Kritik an Asylpolitik der Regierung – Gegen „Religionisierung“ von Zuwanderern

Wien (APA/epdÖ) – Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker ist für die flächendeckende Einführung der Gesamtschule sowie für Bundeskompetenzen in Bildungsfragen. „Man sieht es ja auch an den Ergebnissen der PISA-Studie, dass man hier mehr an Investitionen und überhaupt an Reformen brauchen würde“, sagte er im Interview mit der Austria Presse Agentur (APA). Mit den „Abschleifungen“ der Regierung beim Budget ist er nicht zufrieden, vor allem mit den Kürzungen bei der Entwicklungszusammenarbeit. Und auch in der Asylpolitik kritisiert Bünker die Regierung, etwa wegen der geplanten Adaptierung des Kardinal-König-Integrationshauses für ein „Familien-Schubhaftzentrum“.

„Wir haben eine ausgeprägte Bildungsungerechtigkeit in diesem Land“, konstatiert Bünker und spricht sich für ein „integratives Bildungssystem“ – also auch für „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ und arme Familien – aus. Ein solches beginne bereits in der Vorschule, die Volksschule sei in Österreich „wirklich sehr gut“. Das große Problem sieht der Bischof allerdings in der „frühen Segregation im Alter von zehn Jahren“. Es sei „doch auffällig, dass die Länder, die gut abschneiden, zumeist eine längerfristige Integration haben“. Laut Bünker heißt das: „Gemeinsame Schule möglichst lange“. In der Diskussion über die schulischen Kompetenzen ist Bünker gegen eine „Verländerung“: „Es spricht stark dafür, dass man das in die Bundesverantwortung gibt.“

Bei den „Abschleifungen“ der Sparmaßnahmen des Bundes hätte sich der Bischof mehr erwartet. Zwar habe Bundeskanzler Werner Faymann die Religionsvertreter zu einem klärenden Gespräch empfangen, allerdings ohne großen Erfolg: „Es wurde uns Gehör geschenkt, aber die Auswirkungen sind nicht so, wie es die Vertreter der Kirchen und Religionsgesellschaften vorgeschlagen hätten. Wir waren doch der Meinung, dass dieses Budget deutlichere Zukunftsperspektiven haben sollte.“ In Bereichen wie Soziales, Pflege und Bildung hätte Bünker lieber Investitionen anstelle von Einsparungen gesehen.

Besonders unglücklich ist der evangelisch-lutherische Bischof mit den Kürzungen bei der Entwicklungshilfe: „Da war Österreich ja bisher schon nicht gerade ein Musterschüler, und es ist jetzt noch wesentlich verschlechtert worden.“ Bünker sieht hierbei auch keine wirklichen Auswirkungen auf die Einsparungsziele des Bundes. Nichtregierungsorganisationen wie etwa der evangelischen Diakonie würde es aber fast unmöglich gemacht, in diesem Bereich weiterzuarbeiten. Bereits jetzt sorgt sich der Bischof um Projekte in Afrika oder in Israel/Palästina. „Hier sind falsche Signale gesetzt worden, vor allem was die Zukunft Österreichs betrifft.“

Bünker fordert auch ein humaneres Asylwesen. Eines von zwei „besonders ärgerlichen Vorkommnissen“ in der vergangenen Zeit ist für ihn die geplante Adaptierung des Kardinal-König-Integrationshauses für ein „Familien-Schubhaftzentrum“ durch das Innenministerium. Er teilt die Bedenken von Experten, ob es sich tatsächlich um ein so genanntes gelinderes Mittel handeln soll, wenn man ein Schubhaftgebäude „kindgemäßer“ ausstattet, und schließt Proteste nicht aus. „Und außerdem widerspricht das ganz dem Gründungszweck“, so Bünker. Zweites Ärgernis ist für den Bischof, „dass Österreich nach wie vor nach Griechenland abschiebt“, obwohl es Bedenken des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte gebe. „Ich halte das für schlicht unverantwortlich, dass das bei uns weiterhin geschieht.“

Auch bei seiner Forderung nach einem eigenen Staatssekretariat für Integration gibt Bünker nicht auf, sieht aber derzeit keine dahingehenden Zeichen der Regierung. „Es war immer unsere Überzeugung: Das ist eine Querschnittsmaterie und kann nicht in einem Ressort allein angesiedelt sein. Für mich ist der Schlüsselfaktor für eine gelungene Integration die Bildung, und da ist das Innenministerium schlicht und einfach nicht zuständig.“ Der evangelisch-lutherische Bischof wehrt sich auch gegen eine „Religionisierung“ des Integrationsthemas, also gegen die Gleichstellung von Zuwanderern und Islam. „Religion kann hinderlich sein im Prozess der Integration, aber auch förderlich“, meint er. „Die meisten der Zuwandernden sind nicht religiös, auch wenn sie aus islamischen Ländern stammen. Aber wenn man ihnen ständig signalisiert: Ihr seid eigentlich hier unerwünscht wegen des Islam, dann soll man sich nicht wundern, wenn sie plötzlich zu einem religiösen Fanatismus neigen.“

ISSN 2222-2464