Bischof Bünker: Antisemitismus nach wie vor ein Problem

Bischof Bünker beim Gedenken vor dem Mahnmal österreichischer jüdischer Opfer der Shoah am Wiener Judenplatz. (Foto: epd/M.Uschmann)
Bischof Bünker beim Gedenken vor dem Mahnmal österreichischer jüdischer Opfer der Shoah am Wiener Judenplatz. (Foto: epd/M.Uschmann)

Gottesdienste und Veranstaltungen am 75. Jahrestag der Novemberpogrome

Wien (epdÖ) – „Lasst uns nicht aufhören, wachsam hinzusehen“, diese eindringliche Mahnung formulierte der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker beim ökumenischen Gedenkgottesdienst am 75. Jahrestag der Novemberpogrome am 9. November in der Wiener Ruprechtskirche. Angesichts aktueller gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen dürfe man nicht dem Trugschluss erliegen, dass Antisemitismus ein Problem von gestern sei.

„Wir sehen, dass von den Tätern, die sich ihrer Verbrechen noch stolz gerühmt haben, niemand je zur Verantwortung gezogen wurde. Wir sehen, dass heute in Salzburg die Stolpersteine – zum wiederholten Male – beschmiert werden. Wir sehen, dass es Neonazismus in unserem Land gibt unter jungen Menschen, wie beim Fall ‚Objekt 21‘ in Oberösterreich. Wir sehen, dass Politiker in hohen Funktionen der Republik an der Relativierung des Verbotsgesetzes schrammen, weil es sich ‚ein bisschen mit der Meinungsfreiheit spießt'“, sagte Bünker. Auch die Evangelische Kirche habe in dieser Zeit Schuld auf sich geladen. Der Bischof erinnerte an die Erklärung „Zeit zur Umkehr“ der Generalsynode von 1998. „Wir sehen auch mit Scham das Versagen der Kirchen, ihre Blindheit und ihre Schuld. Nicht nur einzelne Christinnen und Christen, sondern auch unsere Kirchen sind an der Shoa mitschuldig geworden.“ Nur wenige Protestanten hätten in dieser Zeit „mutige Zeichen“ gesetzt, darunter der evangelische Pfarrer von Villach Johannes Heinzelmann, der am 10. November 1938 jüdische Familien besuchte und in seiner Predigt am folgenden Sonntag meinte, sich erstmals zu schämen, ein Deutscher zu sein.

Seit vielen Jahren schon befände sich die Kirche auf dem „Weg der Umkehr“, erklärte Bünker. „Die Kirche auf dem Weg der Umkehr ist dankbar dafür, dass unter uns und mit uns die jüdische Gemeinde lebt. Sie setzt sich ein für lebendige Beziehungen zu ihr, steht ihr bei und tritt für sie ein, wenn sie neuerlichen Anfeindungen und Antisemitismus ausgesetzt ist, wachsam gegenüber jedem Rassismus und Antisemitismus. Die Kirche auf dem Weg der Umkehr freut sich über das Gotteslob der Jüdinnen und Juden, das sie immer an ihre eigene Wurzel bindet.“

Schwester Beatrix Mayrhofer, Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs, beschäftigte sich im Vorfeld des ökumenischen Gottesdienstes mit der Chronik ihrer Gemeinschaft. „Wir haben eine private Schule betrieben, die von den Nazis verboten wurde. In der Chronik unseres Ordens steht beim 10. November zwar etwas über die Vertreibung von Schwestern, aber nichts über die brennenden Synagogen.“ In seinem Grußwort unterstrich Kardinal Christoph Schönborn, der persönlich nicht anwesend sein konnte, dass auch die Römisch-katholische Kirche schuldig geworden sei. Gerade auch jene Jüdinnen und Juden, die zum Christentum konvertiert sind, hätten in der Nazi-Zeit zu wenig Unterstützung von der Kirche erhalten. „Mit der Zerstörung der Synagogen wurde auch das Lob des Ewigen geschädigt. Wenn der jüdische Glaube geschmäht wird, verlieren wir Christinnen und Christen die Kraft, aus der wir leben“, so Schönborn. „Die Kirchen haben versagt, weil sie kein eindeutiges Zeugnis für den Bund Gottes mit dem jüdischen Volk abgelegt haben.“ Heute stehe die katholische Kirche aber an der Seite der jüdischen Gemeinde, betonte der Erzbischof von Wien.

Der Gottesdienst war Höhepunkt der Gedenkwoche „Mechaye Hametim. Der die Toten auferweckt“. Neben Bischof Michael Bünker und Schwester Beatrix Mayrhofer feierte Provinzial Gernot Wisser den Gottesdienst, der mit einem Schweigemarsch zum Mahnmal der österreichischen jüdischen Opfer der Shoah am Wiener Judenplatz endete. Für die musikalische Umrahmung sorgte der Chor der Gemeinde St. Ruprecht unter der Leitung von Otto Friedrich sowie Joanna Jimin Lee am Klavier und Wilhelm Klebel auf der Viola.

Gedenkveranstaltung in Graz

Am 9. November gab es an mehreren Orten in Österreich Gedenkveranstaltungen. In der Grazer Stadtpfarrkirche wurde bei einem ökumenischen Gottesdienst der zahlreichen Opfer gedacht. Als sichtbares Zeichen des Gedenkens im öffentlichen Raum fand im Anschluss ein Schweigemarsch von der Altstadt zur Synagoge statt. Beim anschließenden Festakt in der Synagoge warnte Superintendent Hermann Miklas davor, allzu sehr auf das Gute im Menschen zu vertrauen. Unsere Gesellschaft sei auch heute nicht davor gefeit, Extremismen zu verfallen.

ISSN 2222-2464