Bildungsexperte: Schule provoziert soziale Ungerechtigkeit

Die soziale Herkunft bestimmt weiter die Bildung, meinte der empirsche Bildungswissenschaftler Henning Schluss bei der gesamtösterreichischen PfarrerInnentagung. Foto: fotolia
Die soziale Herkunft bestimmt weiter die Bildung, meinte der empirsche Bildungswissenschaftler Henning Schluss bei der gesamtösterreichischen PfarrerInnentagung. Foto: fotolia

PfarrerInnentagung diskutierte Herausforderungen der Bildungslandschaft

Neusiedl am See, 27. August 2014 (epdÖ) – Ein „erstaunliches Beharrungsvermögen“ ortet der Wiener evangelische Bildungswissenschafter Henning Schluss im Gymnasium. Dieses sei „die einzige Institution, die seit 1860 keine Veränderung erlebt hat“, meint der empirische Bildungswissenschafter provozierend. Schluss: „Ein Paradoxon, dass die Institution, die sich am wenigsten verändert hat, auf die sich verändernde Welt vorbereiten soll.“ Schluss sparte in seinem Impulsreferat bei der gesamtösterreichischen PfarrerInnentagung am Dienstag, 26. August, in Neusiedl nicht mit Kritik am herrschenden Bildungssystem. Der PISA-Schock hätte im Jahr 2000 erstmals „schmerzhaft“ bewusst gemacht, dass jeder vierte 15jährige die Schule als funktionaler Analphabet verlasse. Statt der damals eingeführten „Regelstandards“ hätte es Mindeststandards gebraucht. Zudem würden bei den Tests Kompetenzen und nicht die Leistung der Schulen getestet, denn Kompetenzen würden auch neben der Schule vermittelt.

Schluss zeigte vor den rund 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der PfarrerInnentagung auf, dass die soziale Herkunft weiter die Bildung bestimme. Im deutschsprachigen Raum sei Schule „jene Institution, die soziale Ungerechtigkeit provoziert“, hier gebe es eine „massive Baustelle“, so der Bildungswissenschaftler. Kritisch äußerte sich Schluss auch zu den Veränderungen im Hochschulbereich. Das Bologna-System habe entgegen den Intentionen Studienzeiten nicht verkürzt und statt mehr Flexibilität genau das Gegenteil erreicht. Positive Entwicklungen sieht Henning Schluss hingegen im Bereich der frühkindlichen Bildung. So habe sich die Idee vom Kindergarten verändert, der verstärkt als Bildungs- und nicht als „Aufbewahrungsinstitution“ wahrgenommen werde. Dem stimmte bei der anschließenden von Oberkirchenrat Karl Schiefermair moderierten Podiumsdiskussion auch der oberösterreichische Pfarrer Roman Fraiss zu, dessen Gemeinde einen Kindergarten betreibt. Allerdings, so der Pfarrer, stelle sich das Personal schneller auf das Konzept des ganzheitlichen Lernens ein als die Eltern.
Dass Inklusion zu einem wichtigen Identitätsmerkmal evangelischer Schulen gehört, unterstrich die Geschäftsführerin der Diakonie Bildung, Veronika Weisskircher. Eine inklusive Schule erkenne man idealerweise daran, „dass die Besonderheit des Einzelnen nicht Besonderes ist“. Generell sei Inklusion an Gesamtschulen leichter zu denken als in Gymnasien, zeigte sich Henning Schluss überzeugt. Während Inklusion in Volksschulen gut gelinge, lasse die Struktur der AHS Inklusion nicht zu.

Beuth: Spagat zwischen immer mehr Aufgaben und knapperen Ressourcen

Auf den Spagat zwischen immer breiteren Aufgaben und der knappen Finanz- und Personaldecke in der evangelischen Erwachsenenbildung machte die Direktorin der Evangelischen Akademie Wien, Kirsten Beuth, aufmerksam. Sie bot bei der Tagung einen Überblick über die Landschaft der evangelischen Erwachsenenbildung, deren inhaltliche Arbeit zum großen Teil von ehrenamtlichen MitarbeiterInnen geleistet wird. Die Erwachsenenbildung sieht sich mit deutlichen gestiegenen Anforderungen nach Professionalisierung konfrontiert, es gelte, die „christlichen Wertorientierungen in die gesellschaftliche Debatte einzubringen“. So wolle die evangelische Erwachsenenbildung Orte bieten, an denen Menschen mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen und politischen Meinungen gemeinsame Standpunkte diskutieren und sich so in die Zivilgesellschaft einbringen. Den schwierigen Herausforderungen wie etwa zunehmender Ökonomisierung und Individualisierung will die Kulturwissenschaftlerin mit verstärkten Schwerpunktsetzungen („nicht alle müssen alles machen“) und mit Kooperationen entgegentreten. Dafür sprach sich auch der Kärntner Superintendent Manfred Sauer aus: Durch „spannende Kooperationen“ rund um die Ausstellungen im Evangelischen Museum Fresach konnten Zielgruppen verändert und erweitert werden.

Die Leiterin des Predigerseminar, Johanna Uljas-Lutz, machte bei der Diskussion deutlich, dass die Veränderungen der Bildungslandschaft auch die Konzepte des Pastoralkollegs beeinflussen. So würde es für Pfarrerinnen und Pfarrer, die Religionsunterricht zu erteilen haben, immer schwieriger, für die angebotenen Fortbildungskurse frei zu bekommen. Hier müssten, so Uljas-Lutz, völlig neue Modelle entwickelt werden.

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ISSN 2222-2464