57.000 Menschen in Österreich arm trotz Arbeit

Erstmals Daten über „Working Poor“ in einem offiziellen Regierungsbericht

Wien, 19. Februar 2003 (epd Ö) 57.000 Menschen in Österreich, das sind 1,6 Prozent der Erwerbstätigen, haben nicht genug zum Leben, obwohl sie arbeiten. Darauf hat die Armutskonferenz, das Anti-Armutsnetzwerk der österreichischen Sozialorganisationen, in einer Aussendung hingewiesen. Mit den Angehörigen und Kindern, die im gemeinsamen Haushalt leben, erhöhe sich die Zahl dieser „Working Poor“ sogar auf 178.000 Personen. Diese Daten gehen aus dem neu erschienenen Sozialbericht des Sozialministeriums hervor, in dem erstmals die „Working Poor“ in Österreich erfasst sind. Fazit der Armutskonferenz: „Arbeit schützt vor Armut nicht“.

Neben Alleinerzieherinnen seien vor allem Mehrkindfamilien und Migrantenhaushalte betroffen. Gemeinsam sei ihnen allen, dass es in der Familie nur einen Verdiener gibt und dass eine atypische oder Niedriglohnbeschäftigung vorliegt. Ein beträchtlicher Teil der Arbeitsmarktdaten erfasse Jobs, die nicht existenzsichernd sind, so Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie und Sprecher der Armutskonferenz. Nur für manche bedeute geringfügige oder Teilzeitbeschäftigung einen Zugewinn an persönlichem Handlungsspielraum, für viele andere dagegen eine unfreiwillige Beschränkung. „Ein niedriges Erwerbseinkommen schlägt sich auch in nicht Existenz sichernden Sozialleistungen bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und in der Pension nieder“, warnte Schenk. Den Niedriglohnsektor zu forcieren, bedeute eine „gesellschaftspolitische Zeitbombe“.

Der Anstieg atypischer Beschäftigungsverhältnisse habe unbestreitbar auch mehr „Working Poor“ zur Folge. Die Armutsgefährdungsquote von Personen in unbefristeten Beschäftigungsverhältnissen sei mit vier Prozent nur halb so hoch wie von Personen mit zeitlich befristeten Arbeitsverträgen (neun Prozent). Selbständige Arbeitnehmer leiden laut Armutskonferenz besonders häufig und dauerhaft an Armut – vor allem Landwirte bzw. in der Landwirtschaft Tätige. Auch Arbeitnehmer aus Nicht-EU-Staaten scheinen unter den akut Armen und Armutsgefährdeten überdurchschnittlich häufig auf, verweist die Armutskonferenz auf den Sozialbericht des Sozialministeriums.

www.armutskonferenz.at

ISSN 2222-2464