Wirtschaft darf sich nicht am Geldwert orientieren

„Die Kirchen der nördlichen Halbkugel sind angepasst und schlafend“, kritisiert der deutscher Sozialethiker Ulrich Duchrow im epd Ö-Gespräch.

Wien, 2. April 2003 (epd Ö) Scharfe Kritik an den weltweit vorherrschenden wirtschaftlichen Verhältnissen hat der Heidelberger evangelische Sozialethiker Univ. Prof. Dr. Ulrich Duchrow geübt. Duchrow, der sich zu einem Studientag und einem Vortrag in Wien und zu Vortragsveranstaltungen in Salzburg und Waiern aufhält, sagte in einem Gespräch mit epd Ö in Wien: „Jeder kann mit Händen greifen, dass die Wirtschaft im Augenblick nicht den konkreten Lebensbedürfnissen der Menschen dient und auch nicht die Natur bewahrt, sondern alles privatisiert und der Kapitallogik unterwirft.“ Reichtum konzentriere sich immer mehr „in unwahrscheinlichen Größenordnungen“. 350 Milliardäre verfügten über so viel Kapitaleigentum wie die Hälfte der Menschheit. „Auf der anderen Seite“, so Duchrow, „erfolgt eine Zerstörung von sozialen Bedingungen und Arbeitsbedingungen unter dem Druck von Kostensenkungen.“ Die „schlichte Frage“ laute: „Steht die Wirtschaft im Dienst des Lebens – der gegenwärtig und zukünftig lebenden Menschen wie auch der Natur -, oder steht sie im Dienst der Kapitalanhäufung? Das heißt biblisch-jesuanisch: Gott oder Mammon?“

Demgegenüber forderte der Theologe: „Wir brauchen eine Wirtschaft, die sich am Gebrauchswert orientiert, und nicht am Geldwert“. Es gehe um eine „sozial regulierte Marktwirtschaft“. Gestärkt werden sollten einerseits Wirtschaftsformen, die auf regionale Bedürfnisse zugeschnitten sind, andererseits müsse von den zivilgesellschaftlichen Kräften Druck auf die Politik ausgeübt werden, eine soziale und ökologische Regulierung der Wirtschaft einzuführen.

„Wie verhalten sich die Kirchen?“

Für die Kirchen ergibt sich daraus nach den Worten Duchrows eine dreifache Problemstellung: „Die erste Frage ist: Wie verhalten sich die Kirchen grundsätzlich zu dieser lebenszerstörenden Form von Wirtschaft? Die zweite Frage lautet: Was bedeutet das für Kirchen als Wirtschaftsakteure, sowohl persönlich für Christinnen und Christen, als auch für Gemeinden und kirchliche Einrichtungen?“ Die dritte Frage sei: „Wie verhalten sich die Kirchen zu den politischen Prozessen, die im Augenblick unter dem Druck der Wirtschaft alle in die falsche Richtung laufen?“

Duchrow berichtete in dem Gespräch, der Ökumenische Rat der Kirchen sowie der Reformierte und der Lutherische Weltbund hätten ihre Mitgliedskirchen zu einem „verbindlichen Prozess des Erkennens, Lernens und Bekennens im Kontext wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und Naturzerstörung“ aufgerufen. Seine Mitarbeit bei dem Studientag der Evangelischen Entwicklungszusammenarbeit und der Evangelischen Akademie in Wien und seine Vortragstätigkeit in den Bundesländern bezögen die Evangelischen Kirchen Österreichs in diesen Prozess mit ein.

Geltende Wirtschaftsordnung „von gleicher Qualität wie Nationalsozialismus und Apartheid“

Zum weltweiten Aspekt der Problematik verwies Duchrow auf die Folgen der geltenden Wirtschaftsordnung für die Länder der südlichen Halbkugel. So sei etwa für Afrikaner „die Frage der zerstörerischen Wirtschaftsordnung von der gleichen Qualität wie Nationalsozialismus und Apartheid.“ Duchrow: „Das heißt, wir müssen eine Bekennende Kirche werden auf biblischer Grundlage.“ Allerdings seien die westeuropäischen Kirchen und die Kirchen in den USA „sehr zögerlich, die Dramatik dieser Frage wahrzunehmen.“ Die „Nordkirchen“, die „noch zu angepasst und schlafend“ seien, müssten lernen, was die geltende Wirtschaftsordnung in der Südhälfte der Welt „den Menschen tut“, und klarer politisch Position beziehen.

„Aber weltweit formiert sich der Widerstand der Menschen,“ sagte der Theologieprofessor, „eine andere Welt ist möglich.“

ISSN 2222-2464