Verantwortung lässt sich nicht abschieben

Der Diakonie Flüchtlingsdienst feierte sein 25-jähriges Bestehen. Geschäftsführer Christoph Riedl (im Bild) warb beim Festakt für mehr Verständnis für die Sorgen und Nöte von Flüchtlingen. (Bild: Diakonie Flüchtlingsdienst)
Der Diakonie Flüchtlingsdienst feierte sein 25-jähriges Bestehen. Geschäftsführer Christoph Riedl (im Bild) warb beim Festakt für mehr Verständnis für die Sorgen und Nöte von Flüchtlingen. (Bild: Diakonie Flüchtlingsdienst)

Diakonie Flüchtlingsdienst feiert 25jähriges Bestehen in Traiskirchen

Traiskirchen (epdÖ) – Sein 25-jähriges Bestehen beging der Diakonie Flüchtlingsdienst am Donnerstag, 8. Mai, mit einem Festakt im Rathaus Traiskirchen. „Der Flüchtlingsdienst schiebt die Verantwortung nicht ab. Seit 25 Jahren nicht“, erklärte der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker bei der Feier, zu der zahlreiche Repräsentanten der Kirchen, der Politik, der NGOs sowie viele MitarbeiterInnen gekommen waren. Der Bischof dankte allen, die sich für die Gründung des Flüchtlingsdienstes eingesetzt haben, und jenen, die heute diese Arbeit leisten und unterstützen: „Verantwortung kann man nicht abschieben, weil das Menschsein des Menschen, weil wir auf dem Spiel stehen.“

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner würdigte den „unverzichtbaren Beitrag“, den der Flüchtlingsdienst leiste. In den letzten 25 Jahren sei er zu einem „Eckpfeiler des humanitären sozialen Wohls“ in der Republik geworden. Dankbar zeigte sich die Ministerin auch für die professionelle Zusammenarbeit mit der Diakonie und für „den einen oder anderen Fingerzeig“, was besser zu machen wäre.

„Flüchtlingsarbeit ist Menschenrechtsarbeit, und Menschenrechtsarbeit eckt an“, meinte der Geschäftsführer der Flüchtlingsdienstes, Christoph Riedl. Permanent sei die Arbeit eine „Gratwanderung, weil fütternde Hände gebissen werden müssen“. Seitens des Landes Niederösterreich dankte der Zweite Landtagspräsident Johann Heuras für die Arbeit für Menschen auf der Flucht. Der Flüchtlingsdienst trage dazu bei, dass Menschen, die alles zurückgelassen haben, hier Vertrauen fassen und ihren Alltag bewältigen. Die NÖ-Landesrätin für Asylfragen, Elisabeth Kaufmann-Bruckberger, erinnerte daran, dass Menschen auf der Flucht „vieles zurücklassen, aber nicht ihre Kompetenzen und Talente“. Die Diakonie leiste „unglaubliche“ Arbeit, dass „Flüchtlinge im großen Land Europa eine Chance bekommen“.

Not bringe Menschen zum Handeln, sagte Diakonie-Direktor Michael Chalupka und hob das große Engagement der BegründerInnen des Flüchtlingsdienstes hervor: Christina Hubka, Gertrude Hennefeld und Shukri Krunz hätten sich 1989 der Not vor der Tür gestellt. So sei die Gründung des Flüchtlingsdienstes eine „HeldInnen-Geschichte“, aber auch eine Geschichte des notwendigen Widerstands und des „selbstverständlichen“ humanitären Einsatzes. Damals wie heute ginge es darum, der „Nächstenliebe Vorrang zu geben“ und nicht nur die Probleme zu sehen. Für den Rektor der „Diakonie Eine Welt“ und früheren Flüchtlingsdienst-Geschäftsführer Michael Bubik ist das Engagement der Gründerinnen „ein Beispiel, wie man sich unvoreingenommen und vorbehaltlos für andere einsetzt“. Auch wenn 1989 die „neuere Flüchtlingsarbeit“ begonnen habe, sei das Engagement der Evangelischen Kirche für Flüchtlinge weitaus älter, unterstrich Bubik.

Gertrude Hennefeld erzählte von den schwierigen Anfängen der Arbeit in Traiskirchen, ohne Budget und ohne jegliche Infrastruktur. Beeindruckt zeigte sich die langjährige Leiterin der Flüchtlingsberatungsstelle von der spontanen Hilfsbereitschaft der Bevölkerung und von der guten ökumenischen Zusammenarbeit. Ihren heutigen Kolleginnen und Kollegen – inzwischen arbeiten im Flüchtlingsdienst rund 280 MitarbeiterInnen und über 200 Ehrenamtliche – riet Hennefeld, „weiterzumachen, ganz gleich, wie oft man Ohnmacht und Hilflosigkeit spürt“.

„Wir müssen aufhören, Flüchtlingsbetreuung als Problem zu sehen“, so der Traiskirchner Bürgermeister Andreas Babler. Flüchtlinge seien „keine Last, sondern Menschen, denen wir Unterstützung und Mut zusprechen müssen“. Der politische Zugang müsse gelöst werden von der „Sicherheits- und Polizeilogik“, ebenso müsse die Kommerzialisierung in der Flüchtlingsbetreuung gestoppt werden, denn es gehe „nicht um Profit, sondern um menschenwürdige Betreuung“.

Dass Flüchtlinge in erster Linie Anerkennung brauchen, betonte Silach Magomadova. Sie kam vor mehreren Jahren selbst als Kriegsflüchtling mit ihren vier Kindern nach Österreich und wurde vom Flüchtlingsdienst „verständnisvoll“ begleitet, was auch ihren beruflichen Weg prägte: Heute arbeitet sie als Integrationsberaterin für den Flüchtlingsdienst. Für die nötige Anerkennung brauche es auch die Möglichkeit zu arbeiten, ergänzte Christoph Riedl, und wiederholte damit eine langjährige Forderung des Flüchtlingsdienstes.

Die stellvertretende Leiterin des Flüchtlingsdienstes, Alexandra Gröller, sieht in der Obdachlosigkeit bei Schutzbedürftigen eine zentrale Herausforderung, die sich angesichts der Syrien-Krise noch verschärfen werde. Einig waren sich alle RednerInnen, dass es dringend Lösungen auf europäischer Ebene brauche. „Es geht nur gemeinsam, dass der Impuls, Menschen zu helfen, im Vordergrund steht“, meinte etwa Diakonie-Direktor Chalupka. Der Leiter des UNHCR, Christoph Pinter, versuchte die Dimensionen zurechtzurücken: Die Hauptlast der Flüchtlinge, etwa in der Syrien-Krise, tragen die Nachbar- bzw. Herkunftsländer: Während dort derzeit fast 3 Millionen Flüchtlinge leben, hätten es „nicht einmal 100.000“ nach Europa geschafft. Wie Bubik rief Pinter dazu auf, dafür zu sorgen, dass vor Ort vermehrt humanitäre Hilfe geleistet werde. „Wirkliche Flüchtlingsarbeit bedeutet, dafür zu sorgen, dass Menschen nicht fliehen müssen“, ist Bubik überzeugt.

Der niederösterreichische Superintendent Paul Weiland sprach von der „moralischen Verpflichtung“ der Gesellschaft, zu helfen, wo Not ist. Die Kirche sei Teil dieser Gesellschaft und leiste ihren Beitrag als Anwältin jener, die keine Stimme haben. „Großartige und beispielhafte“ Leistungen würden hier auch von vielen Ehrenamtlichen in den Pfarrgemeinden erbracht, erklärte der Superintendent.

Musikalisch gestalteten den Festakt Musikerinnen aus Georgien und Schüler der Johann Sebastian Bach Musikschule. Oberkirchenrätin Hannelore Reiner konnte beim Festakt Christoph Riedl einen Scheck mit jenen Spenden übergeben, die bei der Feier zum 60. Geburtstag von Bischof Bünker für den Flüchtlingsdienst gesammelt wurden.

ISSN 2222-2464