Susanne Heine: Glaube kann Menschen in einer Krise helfen

Evangelische Woche unter dem Thema „Wenn alle Stricke reißen – Handlungsfähig in der Krise“

Wien (epd Ö) – „Die christliche Seelsorge hat eine fatale Geschichte, die sich bis heute auswirken kann, denn sie war von Anfang an mit der so genannten ‚Kirchenzucht‘ gekoppelt und damit auf Schuld als individuelles Vergehen fixiert“, sagte Susanne Heine, Vorstand des Instituts für Praktische Theologie und Religionspsychologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien bei ihrem Vortrag „Überleben im Umsturz – Wege persönlicher Krisenbewältigung“ im Rahmen der Evangelischen Woche am Montag, 8. März, im Wiener Albert Schweitzer Haus. So wurde Schuld auch häufig als Mittel zur Missionierung benutzt. Heine konstatierte diesbezüglich den Umgang mit Menschen als „Schwäche der Kirche“.

Dennoch könne Glaube Menschen in einer Krise helfen: „Die Rede vom allmächtigen Gott hilft viel, wenn man sich in einer Krise als Spielball übermächtiger Figuren fühlt, die einen nur für ihre eigenen Zwecke benutzen.“ Dem allmächtigen Gott vertrauen bedeute, wenigstens einen an seiner Seite zu haben, „der mich schützt“. Identifiziere sich aber eine Person oder Gemeinschaft mit dem allmächtigen Gott, dann folge daraus eine Diktatur, die unbedingten Gehorsam und Unterwerfung fordere. „So wird die Gemeinde zum Kontrollorgan.“ Auch die Rede vom ohnmächtigen Gott helfe viel, wenn einen Leid und Schmerz „überfluten: Dem ohnmächtigen Gott vertrauen bedeutet, wenigstens einen an der Seite zu haben, während viele Menschen sich zurückziehen.“ Die Identifikation mit diesem Gott bedeute allerdings den Verlust der Lebensfreude und eine Glorifizierung des Leides: „Dann wird die Gemeinde zur Trauerweide.“

Sich als Kind Gottes verstehen – aber Gemeinde nicht als Kindergarten sehen

Auch helfe es viel, sich als Kind Gottes zu sehen und in die Arme des Vaters oder der Mutter zu flüchten, „wenn ich mich überfordert fühle und Konkurrenzdruck mir die Arbeit vergällt“. Wenn sich aber eine Gemeinschaft mit diesem Gott identifiziere, dann folge daraus, „alle klein zu halten und zu entmündigen und dabei das Bedürfnis zu befriedigen, der ‚große Guru‘ zu sein. Leistung sei hier verpönt, „das Wort Karriere darf gar nicht ausgesprochen werden“. Dies sei die Gemeinde als Kindergarten.

Wenn Glaube helfe, Krisen durchzustehen und zu bewältigen, dann müsse Gott dazwischenkommen können. Der wirkliche Trost „muss ebenso unvermutet hereinbrechen wie die Not“, zitierte Heine den Theologen Dietrich Bonhoeffer. So könne eine Krise eine „große Befreiung sein, auch wenn einem erst im Nachhinein die Augen aufgehen“.

Heine hielt den Eröffnungsvortrag der 65. Evangelischen Woche, die in diesem Jahr unter dem Motto „Wenn alle Stricke reißen – Handlungsfähig in der Krise“ steht.  Weitere Vorträge gibt es unter anderem vom Wiener Gefangenenseelsorger Matthias Geist oder dem Politologen Anton Pelinka.

Veranstaltet wird die Evangelische Woche vom Evangelischen Bildungswerk A.B. Wien. Weitere Informationen unter www.evang-bildungswerk.at/.

ISSN 2222-2464