Sturm: Heutige wirtschaftliche Themen betreffen auch unsere Zukunft

Studientag des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich beschäftigte sich mit Formen nachhaltigen Wirtschaftens

Wien (epd Ö) – „Die Themen, die wir heute besprechen, bestimmen heute unser Leben und werden auch unsere Zukunft betreffen.“ Das betonte der lutherische Bischof Herwig Sturm auf dem Studientag „Wirtschaft(en) im Dienst des Lebens“ des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ). Der ÖRKÖ hatte dazu am Freitag, 4. Mai, in die Wirtschaftskammer Österreich (WKO) in Wien eingeladen. VertreterInnen aus den Kirchen und der Wirtschaft Österreichs kamen zusammen, um über nachhaltiges Wirtschaften zu diskutieren. Sturm, derzeitiger Vorsitzender des ÖRKÖ, betonte in seiner Eröffnungsrede, dass die Kirchen Vorbild und Motor für Veränderung im Sinne von Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit sein müssen. Der Bischof verwies darauf, dass die Ergebnisse des Studientages in Form von Berichten an die Vorbereitungsgruppen der 3. Europäischen Ökumenischen Versammlung gesandt werden, die im September im rumänischen Sibiu/Hermannstadt stattfindet.

 

Die Generalsekretärin der WKO, Anna Hochhauser, hob in ihrem Grußwort an die TeilnehmerInnen des Studientages hervor, dass die Zusammenarbeit des ÖRKÖ und der WKO „ein wichtiger und richtiger Schritt des Aufeinanderzugehens von zwei wichtigen Bereichen in der Gesellschaft“ sei. Hochhauser gab zu bedenken, dass „nur eine gesunde Wirtschaft in der Lage ist, sich den ökologischen Herausforderungen einer Gesellschaft zu stellen“. Sie betonte: „Unsere Unternehmen praktizieren den verantwortlichen Umgang mit Energie und Ressourcen.“ In ihrem Referat über biblische Impulse zum Thema des Studientages sagte die evangelische Theologin Barbara Rauchwarter: „Natürlich lassen sich die biblischen Regeln für das mitmenschliche Zusammenleben und Haushalten nicht eins zu eins in unsere Welt übertragen.“ Dennoch müssten „die Motive und Grundsätze der Bibel für uns maßgeblich bleiben, wenn wir denn als Christinnen und Christen glaubwürdig sein wollen“. Rauchwarter verwies darauf, dass man, „um widersprechende Lebens- und Handlungsweisen zu erkennen“, bereit sein müsse, „die Sichtweise unserer Schwestern und Brüder in den meisten Kirchen des Südens, aber auch Osteuropas zu teilen“. Gerechtigkeit wäre im biblischen Sinne „die Umverteilung von Segen, also die Umverteilung von Privilegien“.

 

Vergötzung des Marktes

 

Der Universitätsprofessor am Institut für Ethik und Gesellschaftslehre an der Universität Graz, Leopold Neuhold, erklärte, dass ein Markt „nicht gerecht sein kann“. Neuhold: „Ein Markt ist so gerecht, wie die Menschen, die auf ihm agieren.“ Seiner Meinung nach wäre „eine Kritik an der Vergötzung des Marktes aus christlicher Sicht notwendig“, denn der Markt sei vielmehr „nur ein Mittel“ und kein „Zielelement“. Zudem sei ein erzielter Gewinn „noch nichts Problematisches“. Es stelle sich nur die Frage, „wie dieser Gewinn erzielt worden ist“. Klaus Gabriel vom Institut für Sozialethik an der Universität Wien verwies darauf, dass „ein verstärktes Engagement der Kirchen“ den ethisch ausgerichteten Geldanlagen „zu mehr Durchsetzung verhelfen“ könnte.

 

Über das Unternehmen „Kühne + Nagel“ informierte der Generaldirektor des Unternehmens, Prof. Friedrich Macher, in seinem Referat. Dieses Unternehmen ist nach Aussage von Macher das einzige seiner Branche, das einen „Nachhaltigkeitsbericht“ vorlegt. Kühne + Nagel arbeitet nach den Kriterien der „Corporate Social Responsibility“ und verpflichtet sich dadurch zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit LieferantInnen, MitarbeiterInnen, KundInnen, Mitwelt und Staat. Macher dazu: „Wirtschaftlicher Erfolg und soziale, ökologische Verantwortung schließen einander nicht aus, sondern fördern einander.“ Alois Riedlsperger von der Katholischen Sozialakademie Österreichs hob im Zusammenhang mit dem Thema „Grundeinkommen und sinnstiftende Arbeit“ hervor, dass die Kirchen bereit seien, „in diesen Diskussionsprozess ihre Überzeugungen einzubringen“. Das Grundeinkommen sei „kein isoliertes Instrumentarium, sondern ist verklammert mit sinnstiftender Arbeit“. Riedlsperger sprach sich für ein „konstruktives neues Leitbild des Wirtschaftens“ aus.

 

Beispielgebende Erfahrungen

 

Direktor Franz Schils stellte das Bildungshaus und Hotel des Stiftes St. Georgen am Längsee als einen kirchlichen Betrieb mit Umweltzertifikat vor. Direktor Johann Hisch vom Religionspädagogischen Institut der Erzdiözese Wien führte in das Projekt der „Pilgrim-Schulen“ ein, in dem sich Schulen bereit erklären, sich mit den Themen Ökonomie, Ökologie und Soziales auseinanderzusetzen. Albrecht Reuter, Geschäftsführer bei IRM – Integriertes Ressourcen Management AG, berichtete über das Forschungsprojekt „Energie im Dienst des Lebens“ der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich. Das Projekt wird beispielgebende Erfahrungen gemeinschaftlichen Lebens und Arbeitens von ausgesuchten Kommunitäten und evangelischen Kirchengemeinden untersuchen. Ziel des Projektes ist die Sammlung von Ideen zum nachhaltigen Wirtschaften im Energiebereich.

 

Zum Abschluss verwies der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar Nicolae Dura darauf, dass „die Konsequenzen der Wirtschaft auch die Umwelt belasten“. Die ökologische Krise sei „ein Ausdruck der inneren Krise des Menschen“. Dabei wäre das „Vehikel der ökologischen Krise die Säkularisierung der Gesellschaft“. Dura betonte, dass die ökologische Krise nur durch „die Lösung der Krise des Menschen bewältigt“ werden könne. Er führte weiter aus, dass die Ursache dieser Krise die „Sünde des Menschen“ sei. Die „richtige Antwort darauf“ könne „nur die Buße“ sein. Die heutigen Menschen müssten „intensive Sorge um die Schöpfung zeigen, weil die Natur so sehr leidet“. Der Bischofsvikar rief dazu auf, dass der ÖRKÖ den 1. September wie in der orthodoxen Kirche als „Tag der Umwelt“ begehe.

ISSN 2222-2464