Platz für unterschiedliche Traditionen schaffen

Ihr 10jähriges Jubiläum feiert heuer die Ghanaische Evangelische Gemeinde in Wien. Aus diesem Anlass lud die Pfarrgemeinde zur Podiumsdiskussion über eigene Traditionen in der Welt des Anderen. Im Bild der Chor der Pfarrgemeinde. Foto: epd/Uschmann
Ihr 10jähriges Jubiläum feiert heuer die Ghanaische Evangelische Gemeinde in Wien. Aus diesem Anlass lud die Pfarrgemeinde zur Podiumsdiskussion über eigene Traditionen in der Welt des Anderen. Im Bild der Chor der Pfarrgemeinde. Foto: epd/Uschmann

Zehn Jahre Ghanaische Evangelische Gemeinde in Wien

Wien (epdÖ) – In Österreich muss es auch in Zukunft Platz für unterschiedliche Traditionen und Spiritualität geben. Das war der Tenor einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Vermittlung eigener Traditionen in der Welt des Anderen“, am Mittwoch, 27. Mai, im Wiener Albert Schweitzer Haus. Veranstaltet wurde die Diskussion von der Ghanaischen Evangelischen Gemeinde, die in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen feiert, in Kooperation mit der Evangelischen Hochschulgemeinde. In der Ghanaisch-Evangelischen Personalgemeinde finden sich seit nunmehr zehn Jahren Menschen afrikanischer Herkunft zusammen um gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Ein wesentliches Motiv bei der Gründung war die Vermittlung anderer Traditionen und Spiritualität in Form von Gottesdiensten und kulturellem Austausch, mit dem Ziel, einen Raum für Offenheit, Respekt und Anerkennung zu schaffen.

Für Oberkirchenrätin Gerhild Herrgesell ist es in der Evangelischen Kirche besonders wichtig, „viel Platz für viele Traditionen“ zu schaffen. Beispiele wie die Ghanaische Gemeinde tragen dazu bei, dass Traditionen und Spiritualität aus der ganzen Welt in der Evangelischen Kirche zusammenkommen, so Herrgesell. Es werde zwar oft behauptet, der evangelische Glaube sei eine Religion des Buches, der auf Traditionen keinen besonderen Wert lege, das stimme aber nur bedingt. Gerade bei kirchlichen Festen wie Hochzeit oder Konfirmation spielten Traditionen doch eine sehr große Rolle und es werde versucht, diese von Generation zu Generation weiterzugeben, sagte Herrgesell. Umso schwieriger sei es, als Minderheit fernab der Heimat die Grundwerte zu bewahren und die eigenen Traditionen nicht aufzugeben. Auch die Evangelischen seien in Österreich in der Minderheit, dies könne man aber auch nutzen, indem man „aktiv wird und mitgestaltet“.

Der römisch-katholische Weihbischof Franz Scharl erklärte, die Gesellschaft wie auch die Kirche im Besonderen könnten vom Reichtum unterschiedlicher Kulturen und Traditionen profitieren. Er könne aber nachvollziehen, dass viele Menschen Angst davor haben, auf den Anderen zuzugehen. Hier sei es Aufgabe der Kirchen, den Menschen diese Angst zu nehmen. Scharl: „Begegnung bedeutet Wagemut, es ist aber Teil des Menschseins, neue Dinge zu entdecken“.

Für Esperance-Francoise Bulayumi vom Afro-Asiatischen Institut ist Tradition etwas, das sich immer weiterentwickelt. Dies ließe sich schon aus der lateinischen Bedeutung des Wortes, nämlich „weitergeben“, ableiten. Wenn sich Traditionen nicht weiterentwickeln, sei das „der Tod der Gesellschaft“, meinte Bulayumi. Außerdem müssten Traditionen auch immer hinterfragt werden. Als Beispiel nannte er in diesem Zusammenhang den Rücktritt von Papst Benedikt XVI: „Alle haben gedacht, dass ein Papst nicht zurücktreten kann, nur weil es seit Jahrhunderten nicht mehr geschehen ist“.

Für Amani Abuzahra von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) gilt es, Traditionen immer auf den eigentlichen Ursprung und Sinn zu überprüfen. Migration könne Tradition beispielsweise konservieren, ohne dass man sich der wirklichen Zusammenhänge noch bewusst ist. Gleichzeitig warnte sie vor der Beurteilung von Traditionen. Oft würde in „gute“ und „schlechte“ Traditionen unterteilt, ohne die tatsächlichen Hintergründe zu kennen.

Auch die Kuratorin der Ghanian Protestant Congregation Agnes Aziahomey unterstrich die Wichtigkeit, die eigene Tradition fernab der Heimat nicht zu verlieren und gleichzeitig einen Blick für die neuen Realitäten zu haben. In ihrem Heimatland Togo sei es beispielsweise Brauch, dass die Taufe komplett im Freien stattfindet. Wenn ein Kind in Österreich im Winter geboren wird, sei es natürlich nicht möglich, draußen zu feiern. Man könne aber trotzdem eine traditionelle togolesische Taufe feiern, auch wenn sie in einem geschlossenen Raum stattfindet, betonte Aziahomey.

Im Juni werden die Feierlichkeiten rund um das zehnjährige Bestehen der Ghanaischen Gemeinde in Wien fortgesetzt. So veranstaltet die Gemeinde unter dem Thema „Begegnung der Kulturen“ am 6. Juni einen Kochworkshop, bei dem verschiedene Gerichte aus Ghana gemeinsam gekocht und gegessen werden. Am 14. Juni findet außerdem ein Festgottesdienst in der Simmeringer Glaubenskirche statt. Die Predigt wird Bischof Michael Bünker halten.

Alle Informationen unter: www.evang-wien.at

ISSN 2222-2464