Parlamentarische Enquete zum Ethikunterricht

Der Ethikunterricht stand im Mittelpunkt einer parlamentarischen Enquete. Foto © Parlamentsdirektion / Bildagentur Zolles / Mike Ranz
Der Ethikunterricht stand im Mittelpunkt einer parlamentarischen Enquete. Foto © Parlamentsdirektion / Bildagentur Zolles / Mike Ranz

Schiefermair: „Brauchen Werteerziehung, weil uns nicht egal ist, was mit Jugendlichen passiert“

Wien (epd Ö) – Eine breite Basis für die Einführung des Ethikunterrichts als alternatives Pflichtfach sieht der evangelisch-lutherische Oberkirchenrat Karl Schiefermair nach der Enquete im Parlament. Dort wurden am Mittwoch, 4. Mai, die unterschiedlichen Standpunkte in der Frage des Ethikunterrichts debattiert. Seit 1997 läuft dieser an 200 Standorten als Schulversuch für alle Schülerinnen und Schüler, die sich vom Religionsunterricht abgemeldet haben. Seit längerem fordern die Kirchen die Überführung dieses Schulversuchs in den Regelunterricht.

An jenen Standorten, wo die Organisation des evangelischen Religionsunterrichts schwierig sei, könne die Einführung des Ethikunterrichts als alternatives Pflichtfach wohl den konfessionellen Religionsunterricht schwächen. Dennoch treten die Kirchen dafür ein, „weil uns nicht egal ist, was mit den Jugendlichen passiert“, sagte der Oberkirchenrat bei der Enquete. Schiefermair appellierte an die Verantwortlichen in der Politik, der Staat solle seiner Verpflichtung zur Werteerziehung nachkommen. Die Einführung des Ethikunterrichts als Pflichtfach für alle lehnt Schiefermair ab. Für den Fall, dass der Staat – wie auch bei der Enquete von einzelnen Diskutanten angesprochen – aus der Kooperation mit den Kirchen in der Frage der Bildung aussteige, warnte der Oberkirchenrat vor einer Fundamentalisierung: „Die Religionsgemeinschaften geben sich nicht mit einem allgemeinen Ethikunterricht für alle zufrieden, sondern würden dann auf eigene Angebote setzen.“

Die vehementeste Gegenposition vertrat der konfessionsfreie Physiker Heinz Oberhummer, der beim Ethikunterricht eine „Zwangsmissionierung unter dem Deckmantel der Werteerziehung“ befürchtet. Schiefermair wies dagegen darauf hin, dass der an diesem Nachmittag vielfach zitierte evangelische Theologe Albert Schweitzer unter Ethik zum Beispiel etwas ganz anderes verstehe als etwa der Philosoph Konrad Paul Liessmann, der auch bei der Enquete referierte. „Das ist der Hintergrund, warum sich die Religionen so sehr dafür interessieren, was hier unter Ethik verkauft werden soll“, erklärte Schiefermair.

Der Titel der Veranstaltung im Parlament lautete „Werteerziehung durch Religions- und Ethikunterricht in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft“. Bildungsministerin Claudia Schmied betonte dabei die Bedeutung von Wertevermittlung in einer Gesellschaft. Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle sprach sich für einen Ethikunterricht als „sinnvolle“ Ergänzung zum Religionsunterricht aus. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann pochte auf Ethik als verbindliches Pflichtfach mit speziell ausgebildeten PädagogInnen: „Ethik kann kein Ersatz sein für Religionsunterricht, weil Ethik kein Ersatz für Religion ist. Ethik ist nicht das, was überbleibt, wenn man Gott streicht.“

Der Salzburger Religionspädagoge Anton Bucher berichtete über die Erkenntnisse aus den seit 1997 durchgeführten Schulversuchen. Seiner Erfahrung nach habe sich Ethik als Unterrichtsfach bewährt und sollte wie in allen anderen europäischen Staaten in das Regelschulwesen überführt werden. Religion und Ethik seien als Pflichtgegenstände einzurichten, und von Anfang an sei eine „gediegene“ Ausbildung der EthiklehrerInnen zu gewährleisten. Dem Religionsunterricht attestierte der Pädagoge eine „erstaunlich gute Resonanz“. Auch ReligionslehrerInnen sollten mit dem Ethikunterricht betraut werden können, eine entsprechende Ausbildung vorausgesetzt.

Der Theologe Paul Michael Zulehner betonte, dass Staat und Religionsgemeinschaften kooperieren müssten. Wünschenswert sei ein Religionsunterricht, der unabtrennbar ethische Implikationen trage. Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an der Enquete fanden sich VertreterInnen aller Parlamentsparteien und von Religionsgemeinschaften wie etwa der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn oder Anas Schakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ).

ISSN 2222-2464