Mit der Last der Geschichte umgehen

Enthüllung eines Gedenksteins vor der ehemaligen Synagoge und jetzigen evangelischen Kirche in Stockerau

Stockerau, 14. November 2001 (epd Ö) „Dieses Gotteshaus erinnert an die furchtbare Geschichte der gezielten Vernichtung der Juden. Der gemeinsame Glaube an den einen Gott verbindet Juden und Christen.“ Das sind Worte aus der Inschrift auf dem Gedenkstein, der am 9. November, dem 63. Jahrestag der Reichspogromnacht, vor der evangelischen Lutherkirche in Stockerau enthüllt wurde. Das Gebäude war als Synagoge errichtet worden. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde es enteignet, zur evangelischen Kirche umgebaut und 1953 durch die Pfarrgemeinde Stockerau von der Israelitischen Kultusgemeinde rechtmäßig erworben.

Beim Festakt anlässlich der Enthüllung des Steins erinnerte Bischof Mag. Herwig Sturm an das Judentum als Wurzel des christlichen Glaubens. Der Bischof verwies auf die Erklärung der Generalsynode vom Jahr 1998 zum Thema Christen und Juden und betonte: „Wir achten auf die Art und Weise, wie wir in unserer Kirche über das Judentum sprechen. So können wir auch mit der ungeheuren Last der Geschichte anders umgehen als die Generation unserer Mütter und Väter.“

Oberkirchenrätin Reiner: Ein wichtiges Zeichen

Oberkirchenrätin Dr. Hannelore Reiner erklärte in einem Vorwort zum Programmheft der Feier, angesichts des verbrecherischen Judenhasses, der sich vor 63 Jahren entladen habe, versuche „die weitverstreut lebende Evangelische Pfarrgemeinde Stockerau und mit ihr die Evangelische Kirche in Österreich insgesamt, ein Zeichen in umgekehrter Richtung zu setzen“.

Von einem langgehegten Wunsch des Presbyteriums der Pfarrgemeinde, der mit der Errichtung des Gedenksteines in Erfüllung gegangen sei, sprach der Stockerauer Pfarrer Mag. Rudolf Breckner. Der Stein mahne zu Liebe und Frieden. Der Bürgermeister der Stadt Sto-ckerau, Leopold Richentzky, dankte für die Feierstunde und die Errichtung des Steins, der die Geschichte des Staates und der Stadt ins Bewusstsein rufe. Richentzky stellte die Frage, warum erst nach 63 Jahren ein solches Gespräch möglich geworden sei.

„Die Kirche war verfangen in ihrer Zeit“

In einer Analyse des historischen Verlaufs des Erwerbs der ehemaligen Stockerauer Synagoge als evangelisches Kirchengebäude sagte Univ.-Prof. Dr. Karl Schwarz, die Vorgänge seien aus den Gemeindeakten „nicht gänzlich zu deuten“. Hinter der kühlen Akten- und Kanzleisprache könne „wie in einem Brennglas die Verfangenheit der Kirche und der in ihrem Namen handelnden Personen in ihrer Zeit gesehen werden.“ Schwarz hob in seinem Referat hervor, der Gedenkstein sei ein eindringliches Signal dafür, dass das Wort der Generalsynode von den Gemeinden gehört und aufgenommen worden sei. Der Stein signalisiere, „dass die Kirche mit dem Judentum einen gemeinsamen Weg in eine neue Zukunft zu gehen vermag“.

Oberrabbiner Eisenberg: Gebete zu dem einen Gott „tröstlich für uns Juden“

In einer Grußbotschaft zur Enthüllung des Gedenksteins, die von Oberkirchenrätin Reiner verlesen wurde, schrieb Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg: „Die Tatsache, dass die Synagoge von Stockerau nicht zerstört wurde, sondern in ihr weiterhin zu dem einen Gott gebetet wird, der Juden und Christen verbindet, ist für uns tröstlich.“ Der Präsident der Jüdischen liberalen Gemeinde Wien Or Chadasch, Primarius Dr. Theodor Much, ergänzte in seiner Ansprache: „Nicht allein der Glaube an den einen Gott verbindet uns, sondern auch die ethische Grundforderung der Nächstenliebe und der Glaube an die zukünftige Herrschaft Gottes auf Erden.“

Das Programmheft zu der Feier mit den Aufsätzen „Zur Geschichte der evangelischen Lutherkirche in Stockerau“ von Karl Schwarz und Herbert Unterköfler und „Die Situation der jüdischen Mitbürger im Laufe der Geschichte in Stockerau“ von Renate Ludwiczek ist erhältlich im Evangelischen Pfarramt Stockerau, Tel. 02266/62108, ta.ya1508726510wten@1508726510renkc1508726510erB.f1508726510loduR1508726510

ISSN 2222-2464