Maria – Mosaikstein auf dem Weg zur Einheit der Kirchen?

Reiner: „Schwester im Glauben“ – Hennefeld: Kein Anlass für Anbetung – Prokschi: Wechselseitige Bereicherung

Mariazell (epd Ö) – Die Spur Marias ist nach evangelischer Überzeugung „am besten in der Bibel zu finden“, betonte die lutherische Oberkirchenrätin Hannelore Reiner bei der ökumenischen Fachtagung, die am Montag in Mariazell zu Ende ging. Unter dem Tagungstitel „Aufeinander zugehen“ untersuchten ExpertInnen der unterschiedlichen Konfessionen, wie weit Maria eine kirchenverbindende Rolle spielen könnte.

 

In Frage zu stellen seien laut Reiner jedoch Ausformungen der Marienfrömmigkeit wie Marienerscheinungen und marianische Prophezeiungen, die weit über das biblische Zeugnis hinausgingen. „Wenn aber Maria, die – wie Luther sie bezeichnete – ‚zarte Mutter Christi’ als Symbol einer hörbereiten und demütigen Kirche, die mutig im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit für eine menschen- und lebensfreundliche Welt eintritt, gesehen wird, dann stehen die Chancen gut, gerade hier in Mariazell historische und dogmatische Trennungsmauern aufzuarbeiten, vielleicht sogar zu überwinden“, meinte Reiner. Das Neue Testament, so die Oberkirchenrätin, zeichne ein vielfältiges Bild von Maria. Als „Schwester im Glauben“ hätten gerade in jüngerer Vergangenheit evangelische Theologen und vor allen Theologinnen sie neu entdeckt. Das Magnifikat lasse Maria „zur Schwester all jener Menschen werden, die sich selbst zu den Niedrigen zählen, die erniedrigt wurden, die hungern nach täglichem Brot und nach besseren Lebensbedingungen für sich und ihre Kinder“. Für evangelische Christinnen und Christen stehe Maria an der Seite „all jener Mütter und Väter, die den entsetzlichen Schmerz um ein sterbendes und totes Kind ertragen müssen“.

 

Mariologie von unten

 

Als Prototyp des glaubenden Menschen werde Maria im reformierten Glauben durchaus geschätzt, es gebe jedoch „keinen Anlass und keine Notwendigkeit“ sie zu preisen oder anzubeten. Für den reformierten Oberkirchenrat Thomas Hennefeld ist eine „Mariologie von unten“, wie sie die protestantische Theologin Dorothee Sölle beschreibt, noch am ehesten ein Ansatz im Aufeinanderzugehen der Kirchen. Berührungspunkte sieht Hennefeld in den jüdischen Wurzeln Marias, die in einer alttestamentlichen Traditionslinie etwa mit Mirjam, der Schwester Mose, stehe, in den befreiungstheologischen Aspekten – „Maria gibt den Frauen Trost, die ihre Söhne verloren haben durch paramilitärische Todesschwadronen oder in den Foltergefängnissen der Regierungen“ – und auf der menschlichen Ebene. Hier verdecke die Stilisierung Marias zur Gottesmutter die „ambivalente Mutter-Sohn-Beziehung“.

 

In der marianischen Frömmigkeit sei „die Gefahr einer gewissen Einseitigkeit oder Übertreibung immer gegeben“, konstatierte der katholische Theologe Rudolf Prokschi. Hier könne das ökumenische Korrektiv „hilfreich und reinigend“ sein. Ungekehrt könne die katholische Marienfrömmigkeit andere Kirchen „anregen und bereichern, weil in der je eigenen Tradition manches zum Teil verschüttet, anders formuliert oder einfach etwas unterbelichtet ist“. Eine biblisch gut fundierte und in die kirchliche Tradition eingebettete Marienfrömmigkeit hält der in Graz lehrende Theologe für einen „Mosaikstein auf dem Weg zur Einheit“.

 

Als Gottesmutter, „Mutter der ganzen Christenheit“, Vermittlerin und Beschützerin sieht der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar Nicolae Dura Maria, die, so Dura, Katholiken, Orthodoxe und Protestanten verbinde „wie kaum eine andere Persönlichkeit“. Der koptisch-orthodoxe Bischof Gabriel wies auf die lange Geschichte der Marienfrömmigkeit in seiner Kirche hin. Maria werde verehrt als Mutter, Fürsprecherin und „geliebte Heilige“.

 

Der abschließende Teil der ökumenischen Fachtagung war Sibiu gewidmet. Oberkirchenrätin Hannelore Reiner, die auch dem Zentralausschuss der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) angehört, der Grazer Theologe Prof. Bernhard Körner und zwei Mitglieder des lokalen Vorbereitungskomitees berichteten über den Stand der Vorbereitungen für die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung (3EÖV), zu der in der multikonfessionellen Stadt im September rund 2.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwartet werden.

 

Per Bahn nach Sibiu

 

Da in Sibiu ökologische Aspekte deutlich angesprochen werden sollen, regte Reiner an, dass die österreichische Delegation statt mit dem Flugzeug gemeinsam mit dem Zug nach Rumänien reisen sollte – was die anwesenden Delegierten mit Applaus quittierten. Wie der griechisch-orthodoxe Metropolit Michael Staikos ankündigte, werde der ökumenische Patriarch Bartholomaios im Eröffnungsgottesdienst predigen.

ISSN 2222-2464