Kritik an „religiösem Kult“ um die Gesundheit

Wer den Tod zu vermeiden sucht, nimmt sich wertvolle Lebenszeit, meinte der Kölner Psychiater Manfred Lütz bei der OÖ. Sommerakademie

Linz, 21. Juli 2004 (epd Ö) Kritik am modernen Gesundheitskult stand im Mittelpunkt des zweiten Tages der Ökumenischen Sommerakademie Kremsmünster. Während für die alten Griechen die Gesundheit ein „Göttergeschenk“ war, so gelte die Gesundheit heute als „wiederherstellbares Gut“ nach dem Motto „Wer stirbt, ist selber schuld“, so der Kölner Psychiater Manfred Lütz. Wer den Tod zu vermeiden suche, der nehme sich damit wertvolle Lebenszeit, meinte Lütz in seinen Ausführungen unter dem Titel: „Gesundheit als Religion“.

Grundsätzlich habe er nichts gegen etwas Sport und eine gesunde Lebensweise. Daraus habe sich aber ein „religiöser Kult“ entwickelt. So verglich Lütz etwa die Chefarzt-Visite im Krankenhaus mit einer Prozession und die Verordnungen des Hausarztes mit Bußregeln. „Die Benediktinerregeln sind dagegen der reinste Schlendrian“, so Lütz in Anspielung auf das Stift Kremsmünster als Gastgeber der Sommerakademie. Der Ausdruck „Sünde“ komme in kirchlichen Predigten selten vor, im „Zusammenhang mit Sahnetörtchen“ aber regelmäßig. Blasphemisch könne man heute nur noch im Bereich der Gesundheitsreligion werden, so Lütz.

Moraltheologe Klaus Arntz: Krankes Verhältnis zur Gesundheit

Das vorherrschende Gesundheitsverständnis wurde am zweiten Tag der Sommerakademie auch aus theologisch-ethischer Sicht beleuchtet: Der Augsburger Moraltheologe Klaus Arntz hinterfragte in seinem Vortrag die gängige Aussage „Hauptsache gesund“ und nannte es „problematisch“, dass Gesundheit als „fundamentaler Wert“ gelte. Gesundheit sei vielmehr ein „Gut“ – eine Realität, die nicht nach dem eigenen Willen geschaffen werde. Laut Arntz habe der Mensch früher ein gesundes Verhältnis zur Krankheit gehabt: „Heute hat er ein krankes Verhältnis zur Gesundheit“, so Arntz.

In Hinblick auf heutige medizinische Entwicklungen dürfe man die Ethik nicht vergessen: Der Mensch müsse wieder lernen, mit Krankheiten zu leben, so Arntz. Er sprach vom „Mut zu bedingter Gesundheit“. Der „perfekte Mensch“ sei eine „geschichtsvergessene Vision“. Die Möglichkeit, an der Schöpfung maßgeblich mitzuwirken, sei zu einem Problem geworden. Die Gesellschaft hat laut Arntz den „Superlativ für sich entdeckt“. Aber nur weil es an Tankstellen „Super“ und „Super plus“ gibt, dürfe man dies nicht auf den Menschen ummünzen.

ISSN 2222-2464