Körtner kritisiert neuzeitlichen Dämonenglauben

Körtner: "Das Irrationale und die abgründigen Seiten menschlicher Existenz bilden die Nachtseite von Aufklärung und Moderne."
Körtner: "Das Irrationale und die abgründigen Seiten menschlicher Existenz bilden die Nachtseite von Aufklärung und Moderne."

Dämonisches kann entmythologisiert werden

Wien (epdÖ) – „Das Irrationale und die abgründigen Seiten menschlicher Existenz bilden die Nachtseite von Aufklärung und Moderne.“ Das stellt der Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät und Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien, Ulrich H.J. Körtner, in einem Artikel in der Tageszeitung „Die Presse“ vom 17. Juni fest.

In dem mit „Kampf den Dämonen!“ überschriebenen Aufsatz beschreibt der Theologe, dass in afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen wie auch in westlichen Ländern Formen von esoterischer Komplementärmedizin gediehen, „die an geheimnisvolle Kräfte und kosmische Energien glauben, die sich naturwissenschaftlich nicht nachweisen lassen“. „Schulmedizin“ sei in Teilen der Gesellschaft zum Schimpfwort geworden. Körtner weiter: „Der Esoterik-Buchmarkt floriert, und auch auf evangelischen Kirchentagen haben Referenten großen Zulauf, die etwas über Schutzengel zu erzählen wissen. Nicht nur charismatische Kirchen praktizieren Geistheilungen sowie Dämonenaustreibungen, auch die Römisch-katholische Kirche und die orthodoxen Kirchen üben bis heute exorzistische Rituale aus, die durch das kanonische Recht geregelt werden.“ Nach dem Katechismus der katholischen Kirche habe die Kirche ihren Auftrag und ihre Vollmacht, Exorzismen zu vollziehen, von Jesus selbst erhalten.

Die evangelischen Kirchen dagegen äußerten sich in dieser Frage „zurückhaltender“. Körtner verweist auf die Neuausgabe des Evangelischen Erwachsenenkatechismus, derzufolge man sich die Macht des Bösen nicht unbedingt personhaft vorstellen müsse. Betont werde auch, dass weder das Apostolische Glaubensbekenntnis noch das Nicäno-Konstantinopolitanum vom Teufel sprechen.

„Aufgeklärte, kritische Theorie“ als seelsorgerliche Abhilfe

In seinem Artikel fragt der Theologieprofessor auch, welche seelsorgerlichen und liturgischen Angebote eine moderne Volkskirche Menschen zu bieten habe, für die die Welt der Engel und Dämonen keineswegs erledigt sei, „oder sollte für diese Menschen nur in charismatischen und fundamentalistischen Gemeinden Platz sein?“ Körtners Antwort: „Die Basis einer auf Engel- und Dämonenglauben eingehenden seelsorgerischen Praxis kann nach meiner Überzeugung freilich nur eine aufgeklärte, kritische Theorie sein.“

Als Beispiel für eine solche „Entmythologisierung des Dämonischen“ nennt der Theologe die „Kettenmenschen“ in Westafrika: „Ganz selbstverständlich glauben dort auch Christen noch an böse Geister und halten Menschen, die psychisch krank sind, für besessen von Dämonen. Wie Tiere werden Schizophrene, Manisch-Depressive oder auch Epileptiker zu Tausenden weggesperrt, aus Angst, die bösen Geister könnten auf die Gesunden überspringen. Man kettet sie an Bäumen an, wo sie Wind und Wetter ausgesetzt sind und kaum versorgt werden.“ Vor zwanzig Jahren habe Gregoire Ahongbonon das Projekt St. Camille de Lellis gegründet, das sich für die Befreiung dieser Menschen einsetze und sie inzwischen in 15 Zentren betreue und medizinisch behandle.

Körtner schließt seinen Artikel: „Wer meint, dafür Verständnis aufbringen zu sollen, dass man sehr wohl elektrisches Licht, Computer und Internet benutzen und gleichzeitig an die Welt der Dämonen glauben könne, statt Menschen moderne medizinische Therapie anzubieten, der lasse sich durch das Elend der ‚Kettenmenschen‘ eines Besseren belehren.“

ISSN 2222-2464