Kneucker: Im neuen Europa werden sich Strukturen der Kirchen ändern müssen

Ökumenische Fachtagung in Wien über die Chancen der Kirchen im zusammenwachsenden Europa

Wien (epd Ö) – In der europäischen Integration können die Kirchen beweisen, dass sie die Grundrechte und den Gedanken der Toleranz „nicht nur predigen, sondern ernst nehmen“. Diese Ansicht vertrat der juristische Oberkirchenrat der evangelisch-lutherischen Kirche, Hon.-Prof. Dr. Raoul Kneucker, am Freitag, 12. Jänner, bei einer ökumenischen Fachtagung in Wiener Kardinal-König-Haus. Die Tagung der „Kommission für ökumenische Fragen der Erzdiözese Wien“ erörterte die Chancen der Kirchen im neuen Europa.

 

Die europäische Integration habe die Rahmenbedingungen der Kirchen verändert, erklärte Kneucker. In den nächsten Jahren müssten sich auch die Strukturen der Kirchen anpassen. Die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung im September in Sibiu/Hermannstadt könne hier „zum Testfall werden, wie weit Kirchen bereit sind, ihre Strukturen zu öffnen“. Die Flüchtlingsfrage etwa ist für Kneucker ein Bereich, der die Kirchen zu gemeinsamem Handeln zwingen werde. Kneucker: „Es geht nicht nur darum, dass Kirchen zu Hause ihr Bestes tun, sondern auch gemeinsam in Europa.“ Erst nach erfolgter Profilierung könnten Kirchen „Kooperationen beschließen, die zu Hause halten“. Ein positives Beispiel an Kooperationsmöglichkeiten ist für den Oberkirchenrat die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), die auf Basis der „versöhnten Verschiedenheit“ funktioniert.

 

Adrowitzer: Christen stehen in Europa im politischen Abseits

 

Von den Positionen der Kirchen kann der Leiter des ORF-Büros in Brüssel, Dr. Roland Adrowitzer, nur wenig bemerken. Angesichts der Zahlen – mindestens zwei Drittel der 450 Millionen EU-Bürger bekennen sich zu den christlichen Kirchen – müssten diese „eigentlich eine mitbestimmende Größe sein“. Dennoch stehen laut Adrowitzer die Christen in Europa im Abseits, weil es ihnen nicht gelinge, sich entsprechend bemerkbar zu machen. Ein weiteres Manko sieht der ORF-Journalist darin, dass viele Kirchgänger sozialem Engagement skeptisch gegenüberstünden. Dabei wäre gerade das die Kernaufgabe der Kirche, betonte Adrowitzer, „denn ohne soziale Dimension könne man das „europäische Projekt endgültig vergessen“. Kampf gegen die Armut und für die Nachhaltigkeit wären zwei zentrale Themen für die Christen. „Die Kirchen sind mit ihren sozialen Programmen oft die letzte Zuflucht derer, die durch unser oft so gelobtes Sicherungsnetz fallen“, sagte Adrowitzer. Dies gelte es in politische Mitgestaltung zu übersetzen, die Kirchen dürften sich nicht an den Rand drängen lassen.

 

Univ.-Prof. Dr. Christian Friesl, römisch-katholischer Pastoraltheologe und Leiter der Abteilung für Gesellschaftspolitik der Industriellenvereinigung, unterstrich bei dem Podiumsgespräch unter Leitung des Publizisten Prof. Heinz Nussbaumer, dass sich die Kirchen in den individualisierten Gesellschaften Europas vor allem als Stifterinnen von Gemeinschaft bewähren. Bei der Weitergabe des Glaubens dagegen stünden sie vielfach im „passiven Abseits“. Weitgehende Passivität und Wirkungslosigkeit attestierte Friesl den Kirchen im politischen Bereich. Gefragt wäre eine dialogisch ausgerichtete Theologie, die „auf der Höhe der Zeit“ ist und zugleich gesellschaftlichen Trends widersteht, durch die die Menschenwürde bedroht ist. Das Christentum solle sich zwischen der marktorientierten Wirtschaft und der Idee der Gerechtigkeit als „Katalysator“ und „Lobbyist“ einbringen.

 

Für den rumänisch-orthodoxen Theologen Prof. Viorel Ionita ist hingegen von entscheidender Bedeutung, „dass sich die Kirchen in Europa auf ihren Kernauftrag besinnen, den Menschen die Botschaft des Evangeliums zu bringen“. Durch die Wahrnehmung dieses Kernauftrags könnten die Kirchen den Menschen von heute näher sein, erklärte Ionita, der in die Vorbereitung der bevorstehenden Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung eingebunden ist. Von diesem ökumenischen Groß-Event im September 2007 mit dem Motto „Das Licht Christi scheint auf alle“ erhofft sich der Theologe „Erneuerung und Einheit“ in Europa.

 

ISSN 2222-2464