Islamische Schulamtsleiterin: „Kinder fit für Pluralismus machen“

Am Podium (v.l.): Bildungswissenschaftler Christian Andersen, die katholische Theologin Andrea Lehner-Hartmann, Elementarpädagogin Katrin Zell, Schulamtsleiterin Carla Amina Baghajati und Moderator Wilhelm Hopf. Foto: epd/Michael Windisch
Am Podium (v.l.): Bildungswissenschaftler Christian Andersen, die katholische Theologin Andrea Lehner-Hartmann, Elementarpädagogin Katrin Zell, Schulamtsleiterin Carla Amina Baghajati und Moderator Wilhelm Hopf. Foto: epd/Michael Windisch

Studie zu Pluralität an Kindergärten – Diskussion an der Evangelischen Akademie

Wien (epdÖ) – Kritik an Werteleitfäden für Erziehungseinrichtungen, die die „jüdisch-christliche“ Kultur Europas unterstrichen und damit Muslime implizit ausgrenzten, übte die islamische Schulamtsleiterin Carla Amina Baghajati im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung am Dienstag, 23. Oktober, an der Evangelischen Akademie Wien. Auch wenn die Freiheit der Kleidungswahl betont, dann aber über das Kopftuch diskutiert werde, sei das ein Widerspruch in sich. Anlässlich der Publikation einer großangelegten Studie zur Pluralität der Wiener Kindergärten diskutierte Baghajati mit Christian Andersen, Bildungswissenschaftler und Mitautor der Studie, Andrea Lehner-Hartmann, katholische Theologin und Universitäts-Professorin für Religionspädagogik und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Studie, sowie Katrin Zell, Leiterin des Referats Sprachliche Bildung bei den Wiener Kindergärten.

„Meine Erfahrung mit den Bedürfnissen muslimischer Eltern ist, dass die ersten Lebensjahre bei der Identitätsbildung entscheidend sind: Wie mache ich mein Kind fit für Pluralismus? Wie kann man die Frage ‚Wer bin ich‘ stärken?“ sagte die muslimische Pädagogin Baghajati und hob hervor, dass sich hier in den letzten Jahrzehnten ein starker Wandel abgezeichnet habe: „Vor zwanzig Jahren gab es Diskussionen, in denen muslimische Eltern sich Sorgen machten, ob sie ihre Kinder auf den Weihnachtsmarkt gehen lassen. Da ist viel an Entkrampfung passiert.“ Zur medial und politisch heftig geführten Diskussion um islamische Kindergärten gab sie zu bedenken, dass es „den“ islamischen Kindergarten nicht gebe, da ein einheitlicher Träger wie die evangelische Diakonie oder die römisch-katholische Nikolausstiftung fehle. Die unübersichtliche Situation sei auch in der Einführung eines verpflichtenden Kindergartenjahres begründet, das nicht nur ein „hehrer Wunsch für die Kinder“ gewesen sei, sondern auch eine Geschäftslücke aufgetan habe. Ambivalent sah Baghajati auch die darauf erfolgte Ausbildungswelle von muslimischen Frauen zu Kindergartenhelferinnen. Die Ausbildungszeit sei zu kurz, zudem sprächen viele Frauen nur gebrochen Deutsch: „Das ist ein reales Problem“.

In dieselbe Kerbe schlug Christian Andersen, Mitautor der Studie. Auch er berichtete von der Schwierigkeit, zu definieren, was ein „islamischer“ Kindergarten überhaupt sei. „Auch in einem Gemeindekindergarten sind oft viele Kinder muslimischen Glaubens. Aber es ist deshalb noch kein islamischer Kindergarten. Wir haben uns verabschiedet davon, eine Definition des islamischen Kindergartens zu finden. Wichtig ist aber jedenfalls eine starke konfessionelle Verwurzelung.“ Die plötzliche Zunahme an muslimischen Kindergartenhelferinnen monierte auch Andersen: „Nachdem das AMS auf die Idee gekommen war, Frauen diese Ausbildung machen zu lassen, war es frappant zu sehen, wie viele Frauen plötzlich da waren, die nur gebrochen Deutsch sprachen und zuvor mit Kinderbetreuung nichts zu tun hatten.“

Schon in der einleitenden kurzen Vorstellung der Studie hatte Mitautor und Bildungswissenschaftler Henning Schluß die Ambivalenz vieler Studienergebnisse betont: Vieles gut Gemeinte habe oft ungewollt gegenteilige Effekte. So habe auch die Separierung von Kindern bestimmter Bevölkerungsgruppen weniger mit bewussten Entscheidungen zu tun, sondern mit bestimmten Strukturen, „von denen manche sogar zu begrüßen sind, wie die bevorzugte Aufnahme von Kindern, bei denen beide Elternteile berufstätig sind. Das schließt aber wieder viele Kinder aus.“

Die katholische Theologin Andrea Lehner-Hartmann betonte auf die Frage, warum es überhaupt konfessionelle Kindergärten geben müsse: „Konfessionen wollen zeigen, dass ihnen Kinder wichtig sind, auch wenn dann in Frage steht, wie mit Pluralität umgegangen wird, nicht nur in religiöser, sondern auch in sprachlicher und kultureller Hinsicht. Da haben Religionen einen besonderen Anspruch, das heißt aber nicht, dass konfessionslose Kindergärten das Problem nicht haben.“ Lehner-Hartmann kritisierte auch, dass Pluralität immer „eine hierarchische Komponente“ habe. „Ein römisch-katholischer Kindergarten kriegt oft die Etikette des Elitären, ein islamischer kaum.“ Werde Englisch oder Französisch gesprochen sei das positiv besetzt, bei Türkisch keineswegs: „Was ist unser gesellschaftliches Problem, dass wir so eine Ungleichheit verinnerlicht haben? Wertschätzung für Kinder wird auch über die Wertschätzung und Anerkennung der Sprache real.“

Katrin Zell, Referatsleiterin bei den Wiener Kindergärten, sah die konfessionelle Zuordnung von Kindergärten skeptisch: „Ein guter islamischer Kindergarten unterscheidet sich in seiner grundlegenden Ausrichtung nicht von anderen Kindergärten. Wien ist eine Stadt mit großer Pluralität, und die spiegelt sich eben in den Kindergärten wieder.“ Persönlich tue sie sich schwer mit der Bezeichnung „katholisch“ oder „islamisch“: „Die Trägerschaft des Kindergartens hat eine bestimmte Konfession, inhaltlich bräuchte es das meines Erachtens nicht.“ Zell betonte auch, dass die Pädagoginnen und Pädagogen noch mehr Wissen bräuchten, um mit religiöser Pluralität, auch mit dem Brauchtum der jeweiligen Religionen, umgehen zu können.

In einem Grußwort zu Beginn der Veranstaltung hatte der Wiener Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky für die Ergebnisse der Studie gedankt: „Die Diskussion ist davor immer auf dem Rücken der Kinder und Pädagoginnen und Pädagogen geführt worden, und auf dem Rücken der Musliminnen und Muslime als Gruppe. Die Studie hat hier einen Unterschied gemacht, sie wollte keine Wahlauseinandersetzung machen.“ Die Stadt Wien hatte die Studie gemeinsam mit dem Integrationsministerium, damals unter dem heutigen Kanzler Sebastian Kurz, in Auftrag gegeben.

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ISSN 2222-2464