Im Gespräch – „Welt ohne Gott?“

"So saß er neben mir, dieser junge Mann. Mitten in unserer schönen Lutherkirche. Der steinerne Jesus vor uns – die Hand zum Segen erhoben." Foto: epd/M. Uschmann
"So saß er neben mir, dieser junge Mann. Mitten in unserer schönen Lutherkirche. Der steinerne Jesus vor uns – die Hand zum Segen erhoben." Foto: epd/M. Uschmann

Julia Schnizlein über ein Leben in der Kirche

„Warum sollte ich Mitglied bleiben, wenn ich die Kirche nie von innen sehe? Warum sollte ich Beitrag zahlen, wenn ich nicht vorhabe, demnächst christlich zu heiraten – geschweige denn Kinder taufen zu lassen? Und sterben habe ich auch so schnell nicht vor…?“

Der junge Mann, der da neben mir saß, grinste mich freundlich an. Er hatte sich die Mühe gemacht, ein Gespräch zu suchen, statt einfach „Schluss zu machen“. Kurz und schmerzlos einen vorgefertigten Antrag auf Kirchenaustritt ausfüllen, unterschreiben, abschicken – Aus, Ende. Seinen Eltern müsste er ja nichts davon erzählen. Und sollte er die Kirche je brauchen, könnte er ja wieder eintreten.

Aber so einfach wollte er es sich nicht machen. Und so saß er neben mir, dieser junge Mann. Mitten in unserer schönen Lutherkirche. Der steinerne Jesus vor uns – die Hand zum Segen erhoben.

„Weil es um mehr geht“, sagte ich. „Es geht um mehr, als nur um uns selbst. Es geht nicht um Nutzen. Oder um Dienstleistung. Es geht um eine Vision. Eine Botschaft. Die Botschaft von einer besseren Welt. Einer Welt, in der Nächstenliebe nicht mit Schwäche gleichgesetzt wird. In der Mitgefühl nicht als ‚Gutmenschentum’ abgewertet wird. Einer Welt, in der wir einander wertschätzen, einander vergeben und Gemeinschaft leben – egal, woher wir kommen. In der niemand Angst haben muss, zu kurz zu kommen und weder Menschen noch andere Geschöpfe noch die Natur ausgebeutet werden. Es ist: Die Botschaft vom Reich Gottes.

Dafür wollen wir uns einsetzen. In unseren Gottesdiensten, im Religionsunterricht, im Gemeindeleben, in Seelsorge und Diakonie. Und wir tun das nicht, weil wir Sonntagvormittag zufälligerweise nichts Besseres zu tun haben. Wir tun das, weil wir glauben, dass die ganze Welt – und wir mit ihr – miteinander und mit Gott in Beziehung stehen. Dass wir kein Zufallsprodukt sind, das sich am Ende der Tage in Nichts auflöst. ‚Du bist gewollt, du wirst begleitet, du bist nicht allein, du wirst erwartet’, so hat die Theologin Susanne Heine die Essenz des christlichen Glaubens zusammengefasst. Und das gilt für jeden von uns.“

„Gibt es Gott denn wirklich?“, fragte er. „Der Glaube daran ist mindestens ebenso vernünftig, wie der Glaube, dass es nichts gibt“, sagte ich. „Wir wollen jedenfalls, dass die Menschen die Möglichkeit haben, von diesem Glauben zu erfahren. Und dafür brauchen wir Leute, die uns unterstützen. Ich glaube nicht, dass eine Welt ohne Kirche, ohne diese Institution, die sich für christliche Werte einsetzt,  eine Bessere wäre.“

Er bedankte sich, warf dem steinernen Jesus einen kurzen Blick zu und ging. Ob er seine Kirchenmitgliedschaft aufkündigt, weiß ich nicht. Aber ich spüre, dass er eines Tages an diesen Ort zurückkehren wird – so oder so.

Julia Schnizlein, MA ist Vikarin in Wien-Währing. Kontakt: ta.eh1537343361crikr1537343361ehtul1537343361@niel1537343361zinhc1537343361s.ail1537343361uj1537343361

Jeden Sonntag sind Pfarrerin Maria Katharina Moser, Vikarin Julia Schnizlein und Pfarrerin Ingrid Tschank in der „Krone bunt“ – Kolumne „Im Gespräch“ zu lesen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von krone.at

 

Schlagworte:

ISSN 2222-2464