Im Gespräch – „Gottes Problem mit Selfies“

"Genauso wenig mag ich die anderen Fotos. Die gestellten. Die perfekten. Die Heile-Welt-Fassaden." Foto: maxpixel
"Genauso wenig mag ich die anderen Fotos. Die gestellten. Die perfekten. Die Heile-Welt-Fassaden." Foto: maxpixel

Julia Schnizlein über eindimensionale Bilder

Ich mag keine Schnappschüsse. Egal ob beim Familienfest, am Strand, beim Essen oder im gemütlichen Kreis mit Freunden. Dümmlich grinsend, um optimale Figur bemüht, beim zu gierigen Bissen in die Wurstsemmel oder in Gedanken vertieft ertappt. Man sieht so ein Foto und denkt sich: So sehe ich doch nicht aus! Das bin doch nicht ich!

Genauso wenig mag ich die anderen Fotos. Die gestellten. Die perfekten. Die Heile-Welt-Fassaden. Auch wenn ich selbst immer wieder Fotos von mir in die Öffentlichkeit stelle, habe ich ein sehr ambivalentes Verhältnis zu solchen Fotos. Weil sie eindimensional sind. Weil sie eine Momentaufnahme zeigen. Nie den ganzen Menschen. Sie meißeln einen Moment in Stein, auf Papier oder aufs Display und lassen all die anderen Momente, die vielen Facetten und Möglichkeiten, die uns ausmachen, verschwinden.

„Du sollst dir kein Bild machen von Gott, noch von irgendetwas im Himmel oben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde“, heißt es im 2. Buch Mose. Ich glaube zwar nicht, dass uns die Alte Schrift mit diesen Worten Schnappschüsse oder Selfies verbieten wollte. Aber ich bin davon überzeugt, dass sie die Eindimensionalität verbieten wollte.

Ein Bild machen wir uns ja nicht nur mit Fotoapparat oder Handy. Wie oft bilden wir uns ein Urteil über Menschen in den ersten paar Minuten. Der erste Eindruck zählt! Und wie lange dauert es, dieses Bild zu revidieren, gerade zu rücken und ins rechte Lot zu bringen? Manchmal geschieht es nie.

„Geizig“ – denken wir über die Mutter der Schulfreundin, die sich nicht an der gesunden Jause und damit am teuren Bioobstkorb für die Kinder beteiligen möchte. Dass sie gerade ihren Job verloren hat und als Alleinerzieherin um jeden Euro ringt, sehen wir nicht.

„Unzuverlässig“ – denken wir über den Arbeitskollegen, der laufend zu spät kommt. Mit welcher Inbrunst er zu Hause seine bettlägerige Mutter pflegt und wie oft er am Rand seiner Kräfte ist, sehen wir nicht.

„Arrogant“ – denken wir über den neuen Nachbarn, der nie grüßt. Dass er in seine Trauer um den viel zu früh verstorbenen Sohn versunken ist, sehen wir nicht.

Obwohl wir so vieles nicht sehen, urteilen und bewerten wir am laufenden Band.
„Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose. Das ist der Verrat,“ meinte Max Frisch. Anders die Liebe. Sie befreit aus jeglichem Bildnis. Sie legt einen Menschen nicht fest. Die Liebe folgt keinem eindimensionalen Trugbild sondern ist bereit, sich überraschen zu lassen. Sie gibt Raum für alle Facetten und Entfaltungsmöglichkeiten.

Sich selbst und andere liebevoll anzublicken, das kann man üben! Lasst uns beim nächsten verheerenden Strand-Schnappschuss daran denken!

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ISSN 2222-2464