„Glauben heißt Handeln“ – Evangelisch für Neugierige

Im Gespräch: Rektorin Christa Schrauf, Bischof Michael Bünker und Bundesminister Rudolf Hundstorfer
Im Gespräch: Rektorin Christa Schrauf, Bischof Michael Bünker und Bundesminister Rudolf Hundstorfer

Hundstorfer: Geänderte Rahmenbedingungen aufgrund der Krise

Wien (epd Ö) – Unter dem Thema „Glauben heißt Handeln“ stand der zweite Abend der Reihe „Evangelisch für Neugierige“, zu dem die Evangelische Kirche A.B., die Evangelische Akademie Wien und der ORF am Dienstag, 15. Februar, in das KulturCafé des Senders in Wien eingeladen hatte. Diesmal waren die Gesprächspartner von Bischof Michael Bünker der Bundesminister für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz Rudolf Hundstorfer und die Rektorin des Evangelischen Diakoniewerks Gallneukirchen Christa Schrauf.
Geprägt war das Gespräch allerdings von sozialpolitischen Ausführungen. Bis auf die einleitenden Worte von Bünker zu diakonischen und biblischen Grundlagen beherrschten „die Krise“ und die Budgetkonsolidierung mit ihren Auswirkungen den Abend.

„Die Herausforderung, die wir zurzeit sehen, ist, dass einfach mehr Geld in das Sozialsystem fließen muss. Die Maßnahmen, die von der Politik jetzt in Aussicht gestellt werden, sind eher kosmetische Korrekturen, die nicht wirklich viel bringen“, sagte Schrauf an die Adresse des Sozialministers. Es handle sich „vielleicht um eine kurzfristige Entspannung. Die Frage ist: Wie schaffen wir den Bedarf, der noch auf uns zukommen wird, nämlich den Pflegebedarf aufgrund der Hochaltrigkeit? So warten wir schon mit großer Ungeduld auf Entscheidungen von politisch Verantwortlichen, die unbedingt getroffen werden müssen.“

Zwei Milliarden Euro Pflegegeld jährlich

„Wir leben auf einem hohen Sozialniveau und wir haben auch die Verantwortung für die Zukunft, die wir auch sehen und auch wahrnehmen“, antwortete Hundstorfer. „Derzeit geben wir zwei Milliarden Euro Pflegegeld im Jahr aus, das entspricht einer Steigerung von zwei Prozent zum Vorjahr. Es muss schon klar sein, da geht was weiter: Das Geld ist vorhanden und wir werden hier nicht nachlassen.“

„Die maßgeblichen Verantwortungsträger sind ja dem Irrglauben nachgelaufen, je weniger der Staat und die Politik sich einmischen, umso eher wird sich das alles selbst regulieren“, konstatierte Bischof Bünker. Das habe sich als Irrglaube herausgestellt, „es braucht einfach die politisch vereinbarten Spielregeln für das, was auf dem Markt geschieht. Die Frage ist: Wie geht es weiter mit den sozialstaatlichen Standards in Zeiten der Sparbudgets und der Budgetkonsolidisierungen?“

„Derzeit geht es schlichtweg darum, wie man mit den geänderten Rahmenbedingungen auf-grund der Krise umgehen kann, und wie die anderen habe auch ich jetzt ein Sparbudget“, betonte der Sozialminister. „So haben wir uns bemüht, sehr frühzeitig Projekte zu fördern, die sehr erfolgreich sind, und hinzuschauen, wo Maßnahmen veränderbar und umgestaltbar sind.“ Gerade im Sozialbereich sei der Erfolg nicht betriebswirtschaftlich messbar. „Das Drama ist, dass die gesamte Politik der Welt zugelassen hat, dass das Finanzvermögen neunmal größer ist als das vorhandene Geld und dass wir zugelassen haben, dass heute, im Jahr 2011, bereits auf die Reisernte 2013 spekuliert werden kann. Wir haben einen künstlichen Kreislauf zugelassen, und da ist der Vorwurf an die Politik berechtigt, warum da zugeschaut wurde und warum es nicht geglückt ist, stärker gegenzusteuern.“

Bünker: Kein Mitleid, sondern Austausch der Gaben

„Mehr Fürsorge als Vorsorge“, forderte Bünker. „Das Prinzip der Zuwendung ist immer das der partnerschaftlichen Zuwendung, nicht aus einer mitleidsvollen Haltung, immer ein Austausch und das Einbringen der Gaben, die jedem und jeder gegeben sind.“

Sieht sich da die Diakonie eher als Störenfried oder mehr als Lückenbüßer für Aufgaben, die der Staat wahrnehmen sollte? Schrauf: „Die Rolle des Störenfrieds liegt uns wahrscheinlich mehr als die Rolle des Lückenbüßers, obwohl wir bis zu einem gewissen Grad manchmal beides sind. Im Großen und Ganzen arbeiten wir ja im Auftrag des Staates und haben die Finanzmittel zur Verfügung, wenn auch nicht in dem Ausmaß, wie wir es uns wünschen.“ Die Diakonie nehme in besonderer Weise die spezielle Anwaltsfunktion wahr, was der Rolle des Störenfrieds entspreche. In dieser „prophetischen kritischen Tradition“ benenne die Diakonie soziale Nöte und mache konstruktive Vorschläge.

Moderiert hat den Abend die Leiterin der Abteilung Religion im ORF Hörfunk, Doris Appel, musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung vom Jazz Music Ensemble der Johann Sebastian Bach Musikschule. Einen Beitrag über den Abend bringt am 27. Februar die Reihe „Motive – aus dem evangelischen Leben“ um 19.05 Uhr in Ö1. Der nächste Termin „Evangelisch für Neugierige“ befasst sich mit dem Thema „Jesus und das Kreuz der Frauen“ am Montag, 7. März. Gäste sind Susanne Heine, emeritierte Professorin für Praktische Theologie und Religionssoziologie, angefragt wurde auch die Bundesministerin für Frauen und Öffentlichen Dienst, Gabriele Heinisch-Hosek.

ISSN 2222-2464