Für einen Paradigmenwechsel in der Sexualmoral

Professor Kurt Lüthi präsentierte Buch über Sexualethik

Wien, 28. November 2001 (epd Ö) Einen Paradigmenwechsel „weg von der werteorientierten Sexualmoral hin zu einer Sexualmoral, die nicht mehr befiehlt, sondern begleitet“ hat der emeritierte reformierte Professor für Systematische Theologie Dr. Kurt Lüthi gefordert. Bei einem Podiumsgespräch anlässlich der Präsentation seines Buches „Christliche Sexualethik – Traditionen, Optionen, Alternativen“ vertrat der ehemalige Ordinarius an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien am 21. November in Wien die Auffassung, die sogenannte christliche Sexualmoral sei „für das westliche Denken“ an ihr Ende gekommen, ebenso der traditionelle kirchliche Monopolanspruch auf sexualethische Direktiven. In seinem Buch versuche er, biblische Traditionen und humanwissenschaftliche Erkenntnisse zu verbinden. Für die neue „Sexualethik von unten“ gelte allerdings: „Diese Ethik müssen wir selbst finden, etwa mit Hilfe der Psychotherapie Freuds.“

Die evangelische Theologin Mag. Barbara Rauchwarter, Mödling, kritisiert, dass in fundamentalistischen christlichen Kreisen noch immer an rigiden moralischen Vorstellungen festgehalten werde. Auch die Fremdenpolitik der österreichischen Bundesregierung gehe in Sachen Familienzusammenführung von einem alten Familienbild aus. Die Religionspädagogin verwies auf eine um sich greifende „Vermarktung“ der Sexualität insbesondere bei Jugendlichen. Der eigene Körper werde zum Produkt, das von einem selbst „gemacht“ werde.

„Es geht um Herrschaftsausübung“

Der von Lüthi geforderte Paradigmenwechsel in der Sexualmoral werde von der römisch-katholischen Hierarchie „massiv gebremst“, erklärte der römisch-katholische Theologe und Psychotherapeut Mag. Johannes Wahala bei der Podiumsdiskussion. Es gehe aber um eine „Erweiterung der Lebensmöglichkeiten“. Dass im „Volk“ der Paradigmenwechsel „längst passiert“ sei, konstatierte dagegen der römisch-katholische Theologe und Psychoanalytiker Dr. Alfred Kirchmayr. Letztlich, so Kirchmayr, gehe es in der traditionellen Sexualmoral der bürgerlich-christlichen Gesellschaft um Herrschaftsausübung.

ISSN 2222-2464