Die Reformation als Weltbürgerin – zu Gast in Wien

(v.l.n.r.:) Kojo Taylor, Lektor und Leiter des "Ghana Minstrel Choir", Viktor Kókai Nagy, Universitätsprofessor für reformierte Theologie in Debrecen, Christoph-Riedl-Daser, ORF-Journalist, Viola Raheb, Universitätsassistentin für Religionswissenschaften in Wien, und Elias Bierdel, Journalist und Menschenrechtsaktivist. Foto: epd/M. Windisch
(v.l.n.r.:) Kojo Taylor, Lektor und Leiter des „Ghana Minstrel Choir“, Viktor Kókai Nagy, Universitätsprofessor für reformierte Theologie in Debrecen, Christoph-Riedl-Daser, ORF-Journalist, Viola Raheb, Universitätsassistentin für Religionswissenschaften in Wien, und Elias Bierdel, Journalist und Menschenrechtsaktivist. Foto: epd/M. Windisch

„Was ich glaube“ – Diskussion über die interkulturellen Aspekte des Glaubens

Wien (epdÖ) – Den Status der Reformation als „Weltbürgerin“ hat der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker hervorgehoben. „Die Reformation hat nicht nur in Wittenberg oder Genf stattgefunden, sondern ereignet sich heute noch weltweit“, sagte der Bischof bei der Eröffnung der dritten Diskussionsrunde in der Reihe „Was ich glaube“ am Donnerstagabend, 6. April, in Wien. Im folgenden Gespräch, durch das ORF-Journalist Christoph Riedl-Daser führte, konnte das Publikum in der Evangelischen Schule am Karlsplatz einen Einblick gewinnen, was „Menschen aus allen Ecken und Enden der Erde“ glauben.

Dass Glaube in einer globalisierten Welt nicht zum Tourismusprogramm werden kann, machte gleich zu Beginn Viola Raheb, Universitätsassistentin für Religionswissenschaften in Wien, klar. Geboren und aufgewachsen in Betlehem konnte sie nie verstehen, „weshalb die Menschen von überallher in den Trümmern dieser Stadt den Glauben suchen“. Umgekehrt stieß die evangelisch-lutherische Palästinenserin bei Studienaufenthalten in Deutschland ebenso auf Unverständnis wegen ihres Glaubens: „Viele können sich nicht vorstellen, dass es in Israel Christen gibt – als wäre die Menschwerdung Gottes irgendwo im Schwabenland passiert.“

Dass kulturelle Differenzen in der Religion nicht so leicht auszuräumen sind, musste auch der aus Ghana stammende Kojo Taylor, Lektor in der evangelischen Pfarrgemeinde in Simmering, feststellen: „Jeder lebt gerne in seiner Komfortzone, aus der er sich nicht wegbewegen will.“ Zugleich aber hält der Leiter des „Ghana Minstrel Choir“ fest: „Musik, nicht nur im Gottesdienst, kann diese kulturellen Unterschiede überwinden. G-Dur ist überall G-Dur.“

Elias Bierdel, Journalist und Menschenrechtsaktivist, betonte ebenfalls das verbindende Moment des Glaubens. Bekannt geworden war Bierdel einer breiteren Öffentlichkeit, als er 2004 ein Schlauchboot mit 37 Flüchtlingen vor der Küste Siziliens rettete und sich daraufhin in Italien einem jahrelangen Prozess wegen angeblicher Schlepperei unterziehen musste. Gefragt, ob solche Erfahrungen seinen Glauben geschwächt hätten, verneint Bierdel: „Im Gegenteil. Es hat mich sehr beeindruckt, als ich die Menschen in diesem Schlauchboot, Muslime und Christen, gemeinsam beten sah. Es ging hier nicht um das ‚Was‘ des Glaubens, sondern um das ‚Wie‘.“ Erst Erfahrungen wie diese hätten ihn dazu geführt, sich als Erwachsener taufen zu lassen.

Dass der Glaube solche Krisensituationen braucht, um sich zu entwickeln und zu stärken, unterstrich Viktor Kókai Nagy, Universitätsprofessor für reformierte Theologie in Debrecen. Aufgewachsen im sozialistischen Ungarn in einer nichtreligiösen Familie, war es für ihn ein weiter Weg. Zugleich meinte er, dass nicht nur interkulturelle Aspekte eine Verständigung über den Glauben erschweren können. Auch eine Person allein müsse versuchen, verschiedene Glaubenszugänge in sich zu vereinen; in seinem Fall seien das die Theologie und der persönliche Glaube, die nicht immer zusammengehen: „Ich habe meine Dissertation in Theologie geschrieben, danach meine Habilitation, aber der Punkt, an dem ich erst wirklich zum Glauben kam, war der Tod meiner Mutter.“

An dieser Stelle pflichtete ihm Religionswissenschaftlerin Raheb bei und verwies auf Untersuchungen, wonach heute gerade junge Menschen entgegen der weit verbreiteten Meinung nicht an nichts glauben, aber ihren Glauben nicht mit Theologie und Kirche in Verbindung bringen können oder wollen. Diese Unentschiedenheit gehört für Lektor und Musiker Kojo Taylor aber durchaus dazu, wie er in seinem Schlussstatement formulierte: „Gott hat drei Antworten: Ja, Nein und Warte! Auch wenn Gott sich nicht immer gleich zeigt, heißt das nicht, dass er nicht da ist.“

Der vierte Abend der fünfteiligen Diskussionsreihe „Was ich glaube“ findet am 27. April wieder in der Evangelischen Schule am Karlsplatz zum Thema „Was glauben Menschen aus der Welt der Medien?“ statt. Gäste von Moderator Oberkirchenrat Karl Schiefermair sind ab 19 Uhr die Journalistinnen Saskia Jungnikl, Renata Schmidtkunz und Julia Schnizlein sowie der Journalist Thomas Kramar.

ISSN 2222-2464