Das Theologiestudium

Das Gebäude der Hauptuniversität an der Wiener Ringstraße. Die Evangelisch-theologische Fakultät ist in Gehweite erreichbar. Foto: epd/Uschmann
Das Gebäude der Hauptuniversität an der Wiener Ringstraße. Die Evangelisch-theologische Fakultät ist in Gehweite erreichbar. Foto: epd/Uschmann

Vom Alten Testament bis zur Praktischen Theologie – das Theologiestudium umfasst ein weites Spektrum


Wer sich auf das Theologiestudium einlässt, kommt nicht mehr davon los, über Gott nachzudenken. Ich bin mittlerweile in meinem 70. Semester auf der Suche nach Wahrheiten über Gott, nach dem Verstehen von Geschichte und dem Wahrnehmen der verschiedensten Formen des Glaubens. Dabei beginnt das Theologiestudium recht übersichtlich: Man absolviert ein paar Einführungsveranstaltungen und wird so schön langsam hineingebracht in das Nachdenken über Gott. Und schon im ersten Semester wird deutlich, dass es nicht damit getan ist, irgendetwas zu lernen. Studierende der Theologie sind Fragende, und das bleiben sie dann auch. „Was steht denn in der Bibel?“ ist eine der ganz wichtigen Fragen, denn die Bibel – Altes und Neues Testament – sind unzweifelhaft die Grundlagen des christlichen Glaubens. Um Antworten auf diese Frage bekommen zu können, muss man erst einmal die Sprachen der Bibel lernen – Hebräisch und Griechisch. Das Original schlägt halt einfach alles, auch wenn es klarerweise nicht allen gleich leicht fällt, sich mit zwei so alten Sprachen vertraut zu machen. Aber es lohnt sich! Zumal man dann auch gemeinsam mit anderen erfährt, welche Möglichkeiten es gibt, Texte zu interpretieren, jene der Bibel genauso wie alle anderen.

Denn in der Tat: Ohne viel Lesen und Schreiben geht es nicht beim Nachdenken über Gott. Das zeigt sich schon daran, wenn es darum geht, was frühere Generationen von Menschen geglaubt haben, wie sie ihren Glauben gelebt und in ihrer jeweiligen Zeit interpretiert haben. Die Kirchengeschichte eröffnet sich zumeist über Texte aus den 2000 Jahren Christentum – manche davon in Latein – und lässt zwei Dinge erkennen: Ich bin nicht allein mit meinem Nachdenken über Gott, mit Zweifeln und Gewissheiten, sondern Teil einer langen Geschichte. Und: Meine eigenen Ansichten haben eine Geschichte, und wenn ich diese Geschichte verstehe, verstehe ich mich auch selbst besser. Denn nur so kann ich auch verstehen und selbst formulieren, was ich für das Christliche halte, was ich als Inhalte den Menschen geben möchte, denen ich später als Pfarrer oder Pfarrerin begegnen werde.

Diese Themen durchzudenken – auf der Basis der Bibel und mit dem Wissen über die Geschichte – ist Aufgabe der Dogmatik, die allerdings nicht so dogmatisch daherkommt, wie sie heißt. Vielmehr stellt sie gemeinsam mit der Ethik das eigene Nachdenken über Gott in den Horizont des Nachdenkens vieler gescheiter Köpfe und leitet an, das eigene Verständnis von Gott und der Welt im Dialog mit anderen zu entwickeln. Dazu gehören viele Fragen und noch viel mehr Antworten. Aber dieser Prozess der Auseinandersetzungen mit Texten, der vielen Diskussionen und Streitgespräche und des Durchdenkens und Festhaltens der eigenen durchdachten Ansichten befähigt dazu, um seine eigene Sache mit Gott und der Welt zu wissen und zu dieser Sache stehen zu können. Fertig mit dem Nachdenken ist man dann zwar noch nicht – das beschäftigt TheologInnen ein Leben lang –, aber immerhin hat man die Basis gefunden, von der aus man als Pfarrer, als Pfarrerin wirken kann. Wie das geht und wie man sich auch selbst darüber Auskunft geben kann, warum man so predigt, so tauft, so mit Menschen über das Evangelium spricht, sie tröstet und ermutigt, dazu gibt es die so genannte Praktische Theologie und die Religionspädagogik.

Wer den Weg zum Pfarrer oder zur Pfarrerin einschlägt, darf sich also auf eines der vielfältigsten Studien einrichten, die es an einer Universität gibt. Die Sprachen und das Interpretieren unterschiedlichster Texte, Philosophie und Religionswissenschaft, Psychologie und Pädagogik und vieles mehr sind in diesem Paket enthalten. Das ist auch nötig, um für die vielfältigen Herausforderungen des PfarrerInnenberufs gerüstet zu sein. Es ist aber vor allem auch faszinierend, sich so intensiv mit dieser großen Frage nach Gott beschäftigen zu können, die die Menschen seit jeher bewegt und nicht loslässt.

Univ.-Prof. Dr. Markus Öhler,
Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Wien

Weitere Informationen zum Theologiestudium finden Sie auf der Homepage der Homepage der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

ISSN 2222-2464