Bünker: Rassismus ist mit christlichem Glauben unvereinbar

Bischof Bünker sprach bei der Gedenkveranstaltung anlässlich des Holocaust-Gedenktages der Vereinten Nationen am Wiener Heldenplatz. (Foto: epd/M. Uschmann)
Bischof Bünker sprach bei der Gedenkveranstaltung anlässlich des Holocaust-Gedenktages der Vereinten Nationen am Wiener Heldenplatz. (Foto: epd/M. Uschmann)

Holocaust-Gedenken am Heldenplatz – „Korporationsball ist ungeheuerliche Geschmacklosigkeit und Verhöhnung der Opfer des Nationalsozialismus“ – Erinnerung an Auschwitz als wichtige Voraussetzung für zivilcouragiertes Handeln heute

Wien (epdÖ) – „Wer die Opfer vergisst, tötet sie noch einmal!“ Mit dieser Mahnung wandte sich der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gedenkveranstaltung anlässlich des Holocaust-Gedenktages der Vereinten Nationen am 27. Jänner am Wiener Heldenplatz. Vor genau 67 Jahren wurde das KZ Auschwitz-Birkenau befreit. Auch wenn kaum eine Veranstaltungsform denkbar sei, die der Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden angemessen ist, teile der christliche Glaube den hohen Stellenwert der Erinnerung mit dem Judentum. „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“, zitierte Bünker den Talmud. Für die Kirchen gebe es „keine Schlussstrichmentalität“.

Der Bischof betonte bei der Gedenkveranstaltung am Freitagvormittag, dass die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten, speziell auch Auschwitz, eine wichtige Voraussetzung für zivilcouragiertes und solidarisches Handeln heute sei. „Wer verstanden hat, wie die Banalität des Bösen in die Gesellschaft damals Einzug halten konnte, wird heute eher wachsam sein, wenn wieder Sündenböcke gesucht werden, wenn Asylsuchenden, Migrantinnen und Migranten Fremdenfeindlichkeit und offener Rassismus entgegenschlägt und wenn sich Antisemitismus und rechtsextremes Gedankengut wieder breitmachen“, so Bünker.

Als „ungeheuerliche Geschmacklosigkeit“ und Verhöhnung der Opfer des Holocaust bezeichnete der Bischof die Abhaltung des Korporationsballs ausgerechnet am Gedenktag. Bünker wörtlich: „Die Zeit für rauschende Feste und Feiern an so repräsentativen Orten wie der Hofburg sollte für solche Organisationen längst vorbei sein, selbst wenn Rechte heute Linkswalzer tanzen.“ Es sei erschreckend, wie leicht sich nationalsozialistisches Gedankengut und Rassismus wieder einschleichen könnten, sagte Bünker. „Dass die Kirchen sich einbringen und gemeinsam mit anderen für ungeteilte Menschenwürde und gegenseitige Achtung eintreten, hat einen Grund: Rechtsextreme Gesinnung, Rassismus, Fremdenhass und Antisemitismus sind mit dem christlichen Glauben schlicht und einfach unvereinbar.“ In seiner Rede trat Bünker dafür ein, dass der internationale Gedenktag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zusätzlich zum Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen am 5. Mai auch in Österreich zu einem offiziellen Gedenktag werde.

Mit einem Zitat des deutschen Philosophen Theodor W. Adorno mahnte Dwora Stein vom Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) vor den Gefahren von Rechtsextremismus und Faschismus: „Was einmal wirklich war, bleibt ewig möglich“. Luitgard Derschmidt von der Katholischen Aktion Österreich rief dazu auf, das „Nie wieder“ aktiv zu gestalten, und kritisierte, dass in Österreich die Zeit zwischen 1938 und 1945 viel zu spät und viel zu wenig aufgearbeitet worden sei. Grünen-Bundessprecherin Eva Glawischnig rief einmal mehr den dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf, Mitglied der wegen ihrer Verbindung zum Rechtsextremismus immer wieder kritisierten Burschenschaft Olympia, zum Rücktritt auf. Als „eine Schande für das Land und für die Menschen, die den Holocaust überlebt haben“, bezeichnete der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Ariel Muzicant, den Korporationsball. Sein gesellschaftspolitisches Engagement gelte nicht nur den Jüdinnen und Juden, sondern allen benachteiligten Minderheiten. Weiters sprachen Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek, Adalbert Wagner von der Stiftung Gedenkdienst, ÖH-Vorsitzende Janine Wulz sowie Rudolf Gelbard, Überlebender des KZ Theresienstadt.

Die Veranstaltung, moderiert von der Schauspielerin Katharina Stemberger, wurde mit einem Gebet zum Totengedenken durch Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg abgeschlossen. Der „Jüdische Chor Wien“ und der „Chor der slowenischen Studierenden in Wien“ umrahmten die Feier musikalisch.

ISSN 2222-2464