Bünker: Karfreitag als Zeichen der Verbindung untereinander

Karfreitag hat für evangelische Christen einen besonderen Rang

Wien (epd Ö) – „In der Frömmigkeit evangelischer Christen und Christinnen kommt dem Karfreitag ein besonderer Rang zu. Vielfach gilt er sogar als der höchste Feiertag des Kirchenjahres“, schreibt Bischof Michael Bünker in der aktuellen Ausgabe der „Furche“. Bünker: „Der Kirchenraum ist ohne Schmuck, selbst der Altar in der lutherischen Kirche kann an diesem Tag ohne Kerzen und Blumen bleiben. Eine eigene Gottesdienstordnung mit einer ausführlichen Karfreitagslitanei wird vorgeschlagen.“ Mit dieser liturgischen Hervorhebung des Tages setze der Protestantismus einen eigenen Akzent.

„Der theologische Hintergrund für die Bedeutung des Karfreitags in der evangelischen Kirche ist in den reformatorischen Überlegungen zum Kreuz Jesu Christi zu finden. Denn gerade dort, wo es am wenigsten zu vermuten und nach menschlichem Ermessen zu erkennen ist, nämlich im Leiden und Sterben Jesu am Schandmal des Kreuzes, will Gott gegenwärtig sein.“ Dies drücke Martin Luthers Rede von einer ‚theologia crucis‘ gegenüber einer Theologie der Glorie aus. „Deshalb ist das Kreuz der Ort, an dem Gottes Liebe unverstellt erfahrbar ist. Nach biblischem Verständnis kann Versöhnung nur als ein Friedenstiften von Gott her verstanden werden.“

Auch Evangelische tragen Schuld am Antijudaismus

Nun sei der Karfreitag in besonderer Weise mit der Gefahr des christlichen Antijudaismus belastet. „Auf die Frage ‚Wer ist schuld am Tode Jesu?‘ war als Antwort durch Jahrhunderte zu hören: die Juden.“ Auch Evangelische trügen Schuld an der Geschichte des Antijudaismus. Zunächst habe sich der junge Martin Luther sehr positiv über das Judentum geäußert. Allerdings sei Luthers Haltung getragen von der Erwartung, dass sich durch die Reformation die Juden zum Evangelium bekehren würden. Als dies nicht eingetreten sei, wären schon wenige Jahre später kritische Töne in seinen Schriften zu finden gewesen. Das kulminiere in der Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ von 1543, die die krasse Kehrtwendung in Luthers Haltung in zwanzig Jahren dokumentiere. „Diese Schrift ist in verhängnisvoller Weise geschichtsmächtig geworden. Sie hat mit den Boden für den rassischen Antisemitismus bereitet und war im Nationalsozialismus viel zitierte Schützenhilfe für die Ideologie, die die Verfolgung und Ausgrenzung der Juden bis hin zu ihrer Ermordung möglich machte.“ Die Evangelische Kirche in Österreich habe sich 1998 in der Erklärung der Generalsynode „Zeit zur Umkehr“ in unmissverständlicher Weise von diesen Aussagen Luthers distanziert, ja diese sogar „verworfen“. Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) hat im Jahr 2001 eine Studie unter dem Titel „Kirche und Israel“ vorgelegt. Damit haben die reformatorischen Kirchen Europas erstmalig gemeinsam in historischer, dogmatischer und praktischer Hinsicht ihr Verständnis des Verhältnisses von Christen und Juden formuliert und miteinander beschlossen.

Die Frage sei, „wie Evangelische Gottesdienst gestalten ohne die überkommenen antijüdischen Klischees weiterzutragen.“ Predigt, Lieder, Gebete und Lesungen im Gottesdienst sollten so sein, dass ein/e jüdische/r Hörer/in „ohne Kränkung, Bitterkeit oder das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, zuhören könnten“. Bünker: „Dies ist nicht auf bestimmte Anlässe beschränkt, sondern eine generelle Aufgabe.“ Die Evangelische Kirche trete jeder Form der „Israelvergessenheit“ entgegen. Wenn das Vertrauen auf die Versöhnung, die Gott allein bewirke und ermögliche, den Karfreitag präge, werde selbst dieser belastete Tag ein Zeichen der Verbindung sein.

ISSN 2222-2464