Breites Echo auf Sozialwort des Ökumenischen Rates

Klestil würdigt soziales Engagement – Verzetnitsch begrüßt „kräftige Unterstützung“ – Fritz kritisiert einseitige Darstellung der Wirtschaft

Wien, 3. Dezember 2003 (epd Ö) Bundespräsident Thomas Klestil hat den christlichen Kirchen in Österreich für ihr „unverzichtbares soziales Engagement“ gedankt. Das am 27. November vorgestellte Sozialwort des Ökumenischen Rates hat in der Zwischenzeit zu etlichen – durchaus unterschiedlichen – Stellungnahmen geführt: Während hochrangige ÖGB-Vertreter die Kernaussagen des Textes begrüßten, waren aus den Reihen der Wirtschaft auch kritische Stimmen zu hören.

Als „kräftige Unterstützung“ sieht ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch die von 14 österreichischen Kirchen erhobene Forderung, dass der Sozialstaat in der Verfassung verankert werden soll. Der Sozialstaat müsse weiterentwickelt werden – und zwar nach den Grundsätzen der Solidarität, der Würde und der sozialen Gerechtigkeit, so Verzetnitsch.

Die einseitige Darstellung der Wirtschaft hat dagegen der Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Lorenz Fritz, in der jüngsten Ausgabe des TV-Religionsmagazins „Orientierung“ kritisiert: Das Sozialwort stehe im Kontext einer auch vom ÖGB vertretenen Sichtweise, derzufolge die Wirtschaft nur als neoliberal eingestuft und nur Initiativen außerhalb der Wirtschaft als sozial gelten würden. Fritz führte dies auf das Bemühen der Sozialwort-Verfasser zurück, die Schwächsten in der Gesellschaft zu vertreten. Dabei werde jedoch übersehen, dass sich für den Durchschnitts-Österreicher die Welt „nie schwarz-weiß“ darstelle, so der IV-Vertreter.

Anders ÖGB-Vizepräsidentin Renate Csörgits in derselben ORF-Sendung: Die Kirchen würden gemeinsam mit Interessensvertretungen und NGOs dafür sorgen, dass in Politik und Gesellschaft nicht nur wirtschaftliche Interessen aufgegriffen werden, sondern dass das Menschliche und Soziale nicht zu kurz komme.

Auch die Anti-Globalisierungsaktion „Attac“ begrüßte das Sozialwort. Christian Felber von Attac Österreich erklärte, mit dem vorgelegten Text werde dem „Neoliberalismus eine klare Absage erteilt“.

Chalupka kritisiert „recherchefreie“ Leitartikel

Überrascht zeigte sich Diakonie-Direktor Michael Chalupka über die ÖGB-Interpretation, das Sozialwort fordere die Verankerung des Sozialstaats in der österreichischen Verfassung: „Das steht nirgends drinnen“. Doch der Sozialstaat habe Stärken, die optimiert und Schwächen, die ausgemerzt gehörten. Verärgert kritisierte Chalupka in einem Standard-Interview „recherchefreie“ Leitartikel, die in der Vorwoche in der „Presse“ und der „Kleinen Zeitung“ erschienen waren. Der Diakonie-Chef zweifle daran, dass die Verfasser die Publikation, an der 14 Kirchen vier Jahre lang arbeiteten, richtig gelesen haben. „Es gibt ein Vorurteil, dass Kirchen mit der Marktwirtschaft nichts anfangen können, dabei wird sie im Sozialwort vorausgesetzt. Allerdings sind wir der Meinung, dass alle Anteil am Reichtum haben sollten.“ Dahinter Kommunismus zu vermuten, wäre eine Fragestellung aus den 80ern.

ISSN 2222-2464