Bischof Sturm: Anderer Umgang mit Sexualität

Hirtenbrief des evangelisch-lutherischen Bischofs -Wird in allen Gottesdiensten verlesen

Wien (epd Ö) – In einem Hirtenbrief an alle Pfarrgemeinden verwahrt sich der evangelisch-lutherische Bischof Mag. Herwig Sturm strikt gegen Aussagen im Zusammenhang mit den Vorfällen in St. Pölten, wonach die Situation in der Evangelischen Kirche „auch nicht anders sei“. Schon am Montag hatte Sturm die Behauptungen von Volksanwalt Ewald Stadler entschieden zurückgewiesen, wonach die evangelischen Kirchen die gleichen Probleme hätten mit der Bewältigung der Sexualität wie die römisch-katholische (ORF-Sendung „offen gesagt“ vom 19. September).

„Evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer können die Gestalt, in der sie ihre Sexualität leben, frei wählen, in Verantwortung vor Gott und der Gemeinde“, hält der Bischof in seinem Hirtenbrief, der in allen Gottesdiensten verlesen werden soll, fest. Sturm erinnert an die Reformatoren. Sie hätten die biblische Wahrheit wieder entdeckt, „dass Gott nicht nur die Seele, sondern auch den Leib geschaffen hat, und dass der Mensch in seiner Ganzheit zu Freude und Glück in Verantwortung für sich und für andere berufen ist“. Die Sexualität als wesentliche Kraft der Beziehung wurde so als Gabe Gottes dankbar angenommen, die lange Tradition einer christlichen Leibfeindlichkeit beendet und die Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit aufgehoben. Martin Luther habe geheiratet, eine Familie gegründet und mit dem ersten evangelischen Pfarrhaus den Grundstein für eine segensreiche Tradition gelegt.

Gleichberechtigte Rolle der Frauen

Unterstrichen wird vom Bischof auch die gleichberechtigte Rolle der Frauen auf allen Ebenen der Evangelischen Kirche. Sturm: „Wo Frauen mitwirken, ändert sich das Klima des Denkens, des Redens und des Umgangs miteinander. Das ist ein Gewinn an Behutsamkeit und Menschlichkeit, von dem unsere Kirche in jeder Weise profitiert.“ Angehende evangelische PfarrerInnen und ReligionslehrerInnen studieren an öffentlichen Universitäten und Akademien, betont der Bischof. Sexualität sei kein Tabu, sondern fordere heraus zur Integration in die Gesamtpersönlichkeit.

Eine Handlungsunfähigkeit und Ohnmacht, wie sie derzeit in der Diözese St. Pölten erlebt werde, sei in der evangelischen Kirche undenkbar. Denn: „Bei uns werden alle Ämter durch Wahl besetzt und können von den zuständigen Gremien wieder enthoben werden.“

Evangelische Menschen seien fehlbar wie andere auch. Sturm: „Unsere Kirche hat sich klare Regeln gegeben, um bei Problemen aller Art rasch und konsequent handeln zu können.“ Die Würde jedes Menschen, der Schutz der Schwachen und die Bewährung des Evangeliums haben, so der Bischof, oberste Priorität.

Der Hirtenbrief wurde allen Pfarrgemeinden, allen ReligionslehrerInnen, den Werken und Vereinen sowie den PfarrerInnen im Ruhestand übermittelt.

ISSN 2222-2464