Armut ist weiblich

Auftakt der 3. Österreichischen Aktionswoche gegen Armut und soziale Ausgrenzung

Wien, 17. Oktober 2001 (epd Ö) „Armut ist weiblich“: Diese in der Sozialwissenschaft weitgehend unbestrittene These der Benachteiligung von Frauen in Bezug auf Arbeitsverteilung, Ausbildung und Einkommen ließe sich sogar noch eindrücklicher erhärten, wenn die Armutsforschung nicht einem Grundfehler aufsäße. Dies betonte Karin Heizmann von der Abteilung für Sozialpolitik an der Wiener Wirtschaftsuniversität am Freitag, 12. Oktober, in Wien bei einem „sozialpolitischen Frauenfrühstück“ zum Auftakt der 3. Österreichischen Aktionswoche gegen Armut und soziale Ausgrenzung: Die Armutsforschung gehe nämlich von der Situation in einem Haushalt aus und setze damit zu Unrecht voraus, dass die Ressourcen innerhalb dieses Haushaltes fair verteilt werden.

Tatsächlich wären Frauen von Geldknappheit in der Regel stärker betroffen, so Heizmann. Schon nach der herkömmlichen wissenschaftlichen Methodik hätten Frauen ein um 35 Prozent höheres Risiko der Armutsgefährdung als Männer. Darüber hinaus müsse man von bisher nicht erfasster „versteckter Armut“ ausgehen. Die Sozialwissenschaftlerin plädierte für alternative Ansätze in der Armutsforschung.

Heizmann ist Mitherausgeberin des jüngst erschienenen Bandes „Frauenarmut“, der „Hintergründe, Facetten und Perspektiven“ zum Thema aufzeigt. Co-Autorin Michaela Moser, Vertreterin Österreichs im „European Anti Poverty Network“ (EAPN), plädierte bei dem von der Armutskonferenz veranstalteten Pressegespräch für ein „soziokulturelles Existenzminimum“ für Frauen, das neben der ökonomischen Situation auch Grundrechte auf Ausbildung oder politische Mitbestimmung berücksichtige. „Androzentrische Denkmuster“ wie die sozialpolitische Orientierung an der typischen männlichen Erwerbsbiografie müssen laut Moser auf breiter Ebene durchbrochen werden, Ziel sei ein selbstbestimmtes Leben für alle Frauen.

Scharfe Kritik an der VP-FP-Regierung übten die weiteren Vertreterinnen auf dem Podium: Die Politikwissenschaftlerin Ingrid Mairhuber wies auf die in vielen Bereichen übliche, Abhängigkeit schaffende soziale Absicherung von Frauen über ihren Partner hin, die schon vor der jetzigen Legislaturperiode bestand. Seit der Bildung der jetzigen Koalition „fährt der Zug noch viel schneller in die falsche Richtung“, sagte Mairhuber.

Auf viele „frustrierende Details“ bei der Einführung des Kinderbetreuungsgeldes wies Martina Thomasberger von der Abteilung Frauen und Familien der Wiener Arbeiterkammer hin. Besonders problematisch seien Zuverdienstgrenzen und Berufswiedereinstieg. Die Regierung bevorzuge derzeit Familien mit Kleinkindern überproportional, ältere Kinder seien ihr offenbar „weniger wert“, meinte sie.

Das Netzwerk der Frauen- und Mädchenberatungsstellen leide unter der derzeitigen Subventionspolitik, klagte deren Vertreterin Anneliese Erdemgil-Brandstätter. Vielfach würden die Einrichtungen als SP-Vorfeldorganisationen eingestuft und unter dem Vorwand des Sparzwanges finanziell ausgehungert. Politische Positionierungen der Beratungsstellen seien „unerwünscht“, die Regierung forciere pure Serviceeinrichtungen, die sich „auf dem Markt“ zu bewähren hätten.

Während der in ganz Österreich durchgeführten Aktionstage gegen Armut und soziale Ausgrenzung wird unter verschiedenen Gesichtspunkten die Situation der rund 340.000 von akuter Armut betroffenen Österreicher unter die Lupe genommen.

www.armutskonferenz.at

ISSN 2222-2464