Zum interreligiösen Dialog keine Alternative

Diskussionsabend in der Nationalbibliothek über das abrahamitische Erbe in den heiligen Schriften von Judentum, Christentum und Islam

Wien, 14. Jänner 2004 (epd Ö) Das gemeinsame Erbe der drei abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum, Islam – bei gleichzeitiger Betonung der Auffassungs- und Auslegungsunterschiede stand im Mittelpunkt eines Diskussionsabends am Montag, dem 12. Jänner, in der Wiener Nationalbibliothek, der von der Stiftung „Pro Oriente“ und der kirchlichen „Kontaktstelle für Weltreligionen“ mitgetragen wurde. Die stärkste Herausforderung und größte Chance für den interreligiösen Dialog liege im Bemühen, die Gesellschaft in Verantwortung vor Gott und in Achtung vor der Würde jedes Menschen zu gestalten, betonte der geschäftsführende Präsident von „Pro Oriente“, Johannes Marte, und erklärte: „Zum Dialog gibt es trotz mancher Probleme keine Alternative.“

Die absolute Notwendigkeit des Dialoges unterstrich auch Petrus Bsteh, Leiter der „Kontaktstelle für Weltreligionen“. Der Fortschritt im Dialog der drei abrahamitischen Religionen zeige sich vor allem dann, wenn man ihn im Verhältnis zu den Beziehungen zu den fernöstlichen Weltreligionen betrachte, wo Bsteh noch ein großes Defizit ortet. Zugleich gelte es auch, sich der Herausforderung der agnostischen Humanismen zu stellen.

Heine: Christliche Bibel ohne die jüdische nicht zu verstehen

Die evangelische Theologin Susanne Heine wies auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen christlicher und jüdischer Bibel hin. Jesus habe die ethische Weisung Gottes, wie sie die jüdische Bibel bezeugt, kommentiert und dadurch bestätigt. Was von Jesus, dem Juden, an Aussagen überliefert wurde, sei nicht neu. Daher lasse sich die christliche Bibel ohne die jüdische nicht verstehen.

Anders hingegen sei die Bedeutung, die der Gestalt Jesu selbst zugemessen wird. Indem die Christusgestalt ins Zentrum rückt, erscheine den Christen auch die jüdische Bibel in einem anderen Licht. Heine: „Was dort geschrieben steht, ist eine Geschichte, die in Christus Fortsetzung und Abschluss gefunden hat, sodass sich der biblische, heilsgeschichtliche Bogen von der Schöpfung bis zur Neuschöpfung in Christus spannt“. Darin würden sich Judentum und Christentum unterscheiden. Die Aufnahme der jüdischen Bibel in den christlichen Kanon sollte dabei aber dankbare Verbundenheit mit den Juden bedeuten, und keinen Antijudaismus, sagte die Professorin für Praktische Theologie.

Unterstützung fand Heine in Tirza Lemberger vom Institut für Judaistik der Universität Wien. Das Judentum habe in der Tat das „Alte Testament“ mit dem Christentum gemeinsam, nur die Auslegung sei eine andere. Lemberger unterstrich dabei die sorgfältige Überlieferung des Thoratextes über die Jahrhunderte, die auch heute noch garantiere, dass man die Urschrift vor sich habe. Was die Gemeinsamkeiten mit dem Islam angehe, zeigten sich aber schon bei der Person Abrahams deutliche Auffassungsunterschiede. Grundsätzlich gelte aber: „Wenn wir lernen, einander zu respektieren und zu akzeptieren, dass jeder seinen eigenen Weg hat, dann wäre schon sehr viel erreicht. Dann würden wir schon bald ein Paradies auf Erden haben“.

Prof. El Sayed El-Shahed, Direktor der Islamischen Religionspädagogischen Akademie, betonte die Anerkennung aller früheren Propheten wie Abraham, Mose oder Jesus im Koran. Darin werde auch festgehalten, dass der Islam eine abrahamitische Religion und Abraham in dieser Sicht der erste Muslim sei. Jesus werde als besonderer Prophet verehrt, als Sohn Gottes werde er aber abgelehnt, ebenso wie auch seine Kreuzigung. Die Kernbotschaft des Islam sei die „Einheit und Einzigartigkeit Gottes in höchster Transzendenz“.

ISSN 2222-2464