Zukunftsszenarien auf dem Prüfstand

Hochkarätige Diskussionsrunde: Udo Bachmair (Moderation), Gerhild Herrgesell, Monica Schreiber, Werner Gruber (v.l.). Foto: Maria Dürr
Hochkarätige Diskussionsrunde: Udo Bachmair (Moderation), Gerhild Herrgesell, Monica Schreiber, Werner Gruber (v.l.). Foto: Maria Dürr

Evangelische Woche: Hochkarätige Runde diskutierte über Glaubensbegriff in einer modernen Welt

Wien (epdÖ) – Wird die Welt untergehen? Und welche Rolle spielen dann noch der Glaube und die Kirche? Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine hochkarätige Runde am zweiten Abend der diesjährigen Evangelischen Woche in Wien. Oberkirchenrätin Gerhild Herrgesell, Pfarrerin Monica Schreiber und der Experimentalphysiker Werner Gruber diskutierten am 16. September über Zukunfts- und Untergangsszenarien sowie über die Rolle des Glaubens beziehungsweise den Glaubensbegriff in einer modernen Welt.

Werner Gruber, Physiker, Direktor des Wiener Planetariums und bekannt aus der ORF-Serie „Science Busters“, beruhigte das Publikum im Wiener WUK (Werkstätten- und Kulturhaus) in Bezug auf den Untergang der Welt: „Das passiert frühestens in 26 Milliarden Jahren. Phänomene wie Klimawandel oder Gamma-Blitze führen nicht zum Weltuntergang, auch wenn vielleicht zahlreiche Menschen in Folge sterben werden. Aber ein paar werden immer überleben, auch während der größten Pandemie und ähnlichen Szenarien.“ Grundsätzlich sehe er als Physiker seine Aufgabe darin, Menschen Ängste zu nehmen, die aus Unwissenheit resultieren. Als Naturwissenschaftler würde er in erster Linie die Natur beschreiben. „Wir stellen nur die Frage ‚Wie?‘, die Frage ‚Warum?‘ interessiert uns schon nicht mehr“, betont Gruber. Solche Fragen würden eher gläubigen Menschen stellen, erzählt der Fernsehstar aus eigener Erfahrung. „Ich hatte mal eine evangelische Freundin, die mir vor 30 Jahren erklärt hat: Wenn es zur Befruchtung einer Eizelle kommt, woher wissen die einzelnen Zellen dann, was sie werden sollen, also ob sie sich zur Niere, zur Leber oder zum Herzen entwickeln sollen? Das ist göttliche Bestimmung!“ Diese Art des Glaubens, dessen Grundlage ungeklärte natürliche Phänomene sind, sei fragwürdig und problematisch, meint Gruber. „Bei solchen Phänomenen ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese von der Naturwissenschaft geklärt werden können! Und was ist dann?“

Als „God of the gaps“ beziehungsweise als „Lückenbüßer-Gott“ bezeichnet die Pfarrerin und Theologin Monica Schreiber aus Aachen (Deutschland) jenen Gott, der einer solchen religiösen Anschauung zugrunde liegt. Dies sei mittlerweile auch von der Theologie erkannt und als falsch kritisiert worden. „Dass das ein Todesmodell ist, ist selbstverständlich.“ Letztlich komme es auch darauf nicht an. Beim Glauben handle es sich weniger um ein „nicht Verstehen“ als vielmehr mehr um eine Art Grundvertrauen. „Auf dem Weg zum Hotel begegnete mir ein Poster, da stand drauf: Wer bist du? Finde es heraus mit unserer App. Darunter der Name eines Modeversands. Da habe ich gedacht: So treffend formuliert, hätte ich mir gewünscht, es wäre von uns!“ Den letztlich sei dies die Aufgabe der Kirche, nämlich die Menschen ein Stückweit mitzunehmen auf ihrer Identitätssuche. „Es ist wichtig, den Menschen zu helfen, mittels des christlichen Glaubens ihre Identität zu finden, die dabei hilft, einzugrenzen ohne auszugrenzen“, so Schreiber.

Ganz andere Untergangsszenarien machen Gerhild Herrgesell, Oberkirchenrätin für Kirchenentwicklung, Angst. „Wir müssen uns fürchten vor der Tatsache, dass wieder 700 Flüchtlinge vor wenigen Tagen im Mittelmeer ertrunken sind. Wir müssen uns fürchten um Menschen, die zu uns kommen, wo die Diakonie ein Haus zur Verfügung stellt und dann die Gemeinde und der Bürgermeister sagen: Zu uns nicht. Das sind aus meiner Sicht die Untergangsszenarien, die soziale Kälte. Da müssen die Kirchen dagegenhalten.“ Dennoch möchte Herrgesell ihren optimistischen Blick in die Zukunft behalten. Sie gehe davon aus, dass es immer wieder Menschen geben werde, die sich aus der Kraft des Glaubens zusammentun, um Gutes zu bewirken. Diese habe sie auch feststellen können, als sie im vergangenen Arbeitsjahr durch Österreich tourte und zahlreiche evangelische Pfarrgemeinden besuchte. Durch den Abend führte Udo Bachmair, Präsident der Vereinigung für Medienkultur.

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ISSN 2222-2464