Wien: Neue Zugänge zur Krankenhausseelsorge

Bei "Spiritual Care" steht der ganze Mensch im Mittelpunkt des Interesses. Dem zugrunde liegt die Überzeugung, dass jeder Mensch spirituell ist, auch wenn er keinen Bezug zur Kirche hat. (Foto: epdÖ/M.Uschmann)
Bei „Spiritual Care“ steht der ganze Mensch im Mittelpunkt des Interesses. Dem zugrunde liegt die Überzeugung, dass jeder Mensch spirituell ist, auch wenn er keinen Bezug zur Kirche hat. (Foto: epdÖ/M.Uschmann)

Beginn der Vortragsreihe im Evangelischen Krankenhaus Wien

Den ganzen Menschen im Blick haben, so lässt sich die Maxime von „Spiritual Care“ beschreiben. Friedrich van Scharrel, evangelischer Krankenhausseelsorger in Klagenfurt, referierte am 16. November im Evangelischen Krankenhaus Wien über diesen Zugang zur Krankenhausseelsorge und Spiritualität am Krankenbett, der im englischsprachigen Raum weit verbreitet ist, bei uns aber noch wenig bekannt sei.

„Bei Spiritual Care steht das Bedürfnis des einzelnen Menschen im Vordergrund. Dabei wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch spirituell ist, auch wenn er vielleicht keinen Kontakt zur Kirche oder zu einer Religionsgemeinschaft hat“, erklärt van Scharrel. „Bei Spiritual Care geht es um die Wiederentdeckung des ganzen Menschen!“

Entscheidend bei „Spiritual Care“ sei es, dass der Begriff der Spiritualität nicht zu eng, also nicht nur kirchlich-religiös, gefasst wird. „Dieser enge Begriff kommt aus der katholischen Ordenstradition und hat immer mit Gott zu tun. Aber viele Menschen haben damit ein Problem“, berichtet van Scharrel aus der eigenen Praxis. Hier plädiert er für eine Erweiterung des Begriffs. „Jeder Mensch ist eine ganze Welt für sich, jeder Mensch ist kostbar“, sei die Grundüberzeugung von „Spiritual Care“. Letztlich gehe es darum, den Menschen ganzheitlich zu sehen mit allen Bereichen, die ihn auszeichnen, also den physischen, intellektuellen, emotionalen, sozialen und spirituellen Bereich.

Ein weiterer wesentlicher Punkt bei „Spiritual Care“ sei es, dass es nicht alleinige Aufgabe der Krankenhausseelsorge ist, den Menschen in seiner Ganzheit zu sehen. „Alle im Krankenhaus sollen diesen spirituellen Blick haben. Es gibt nicht dieses Denken, dass der Arzt sich nur um den Körper kümmert, der Psychologe das intellektuelle Feld betreut etc. Nein, alle haben den Blick auf die gesamten Bedürfnisse des Menschen“, bringt es van Scharrel auf den Punkt. Diese Aufgabenaufteilung führe schließlich auch dazu, dass sich niemand überfordert fühle, weil alle ihren Teil beitragen. Darüberhinaus haben Studien gezeigt, dass Spiritual Care auch ökonomische Vorteile hat, weil Patienten dadurch schneller gesund und somit weniger lang im Krankenhaus behandelt werden müssen. Dabei gelte: „‚Spiritual Care‘ ist kein Beruf, sondern eine Haltung, die wir lernen können“.

Friedrich van Scharrel eröffnete mit seinem Referat die Vortragsreihe „Spiritualität und Seelsorge auf dem Weg“, die von der Wiener Krankenhausseelsorgerin Margit Leuthold initiiert wurde. Die Vortragsreihe, die bis 2017 dauert, hat zum Ziel, die Bemühungen um die Weiterentwicklung der Krankenhausseelsorge zu unterstützen, so dass Mitarbeitenden in Medizin, Pflege, Seelsorge, Besuchsdienst und Patientenbetreuung diese Entwicklung mitgestalten können. Am 14. März 2016 spricht der Wiener Theologe und Medizinethik Ulrich H.J. Körtner zum Thema Spiritualität und Medizin.

ISSN 2222-2464