Wien: Kirchen gedachten der Opfer der Novemberpogrome

Christinnen und Christen aus Wien beim Schweigemarsch anlässlich des Gedenkens an die Opfer der Reichspogromnacht. (Foto: epdÖ/T.Schönwälder)
Christinnen und Christen aus Wien beim Schweigemarsch anlässlich des Gedenkens an die Opfer der Reichspogromnacht. (Foto: epdÖ/T.Schönwälder)

Schweigemarsch von Ruprechtskirche zum Judenplatz

Wien (epdÖ) – Zum 77. Jahrestag der Novemberpogrome gedachten die Evangelische und die Katholische Kirche am Montag, 9. November, mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Wiener Ruprechtskirche der im Zuge des nationalsozialistischen Terrors im November 1938 verschleppten und ermordeten Juden. Der Erzabt der ungarischen benediktinischen Territorialabtei Pannonhalma, Asztrik Várszegi, betonte in seiner Predigt die Wichtigkeit, den friedlichen Dialog zwischen Christen und Juden „unbeirrt“ fortzusetzen. Von Seiten der Evangelischen Kirche gestaltete die Evangelische Hochschulgemeinde unter der Leitung von Pfarrerin Gerda Pfandl den Gottesdienst mit. Im Anschluss an den Gottesdienst gab es einen Schweigemarsch von der Ruprechtskirche zum Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Schoah am Judenplatz, wo Kerzen aufgestellt wurden.

Várszegi verwies auf das „epochale Ereignis“ der Erklärungen „Nostra Aetate“ und „Dignitatis Humanae“, in welchen die Katholische Kirche im Geiste Christi die Initiative zum Dialog ergriffen hatte. Durch das Anerkennen des Heiligen unter allen Menschen verbunden mit einem Schuldbekenntnis von Seiten der Kirche sei dem furchtbaren „Bruderhass“ zwischen Christen und Juden endlich ein Ende bereitet worden. Die Geschichte der Juden unter christlicher Oberhoheit hätte zwar schon alle Varianten der Bosheit durchgespielt, bleibe aber auch weiterhin erfinderisch. Deswegen sei es heute in Zeiten steigender Verunsicherung besonders wichtig, den Weg des friedlichen Dialogs unbeirrt weiterzugehen, so Várszegi.

Die „Entsetzlichkeiten“ die man sich im Laufe der Geschichte gegenseitig angetan habe, könnten nur vor dem Hintergrund der ursprünglichen Gemeinsamkeiten gesehen und bewältigt werden, zeigte sich der ungarische Erzabt überzeugt. „Wenn es stimmt, dass wir Monotheisten Lerngemeinschaften sind, dann dürfen wir auch aus Fehlern und Verstößen lernen.“ Wichtig sei es, miteinander und voneinander zu lernen und so zueinander zu finden. Es werde auch in Zukunft darauf ankommen, in der Ökumene und im interreligiösen Dialog alle Möglichkeiten auszuschöpfen.

Der Gedenkgottesdienst bildete den Abschluss der alljährlich stattfindenden Bedenkwoche „Mechaye Hametim – Der die Toten auferweckt“. In Erinnerung an die Ereignisse vor 77 Jahren fanden bis 9. November zahlreiche religiöse, wissenschaftliche und kulturelle Veranstaltungen in Wien und Niederösterreich statt. In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938, die noch immer unter dem euphemistischen Nazi-Ausdruck „Reichskristallnacht“ bekannt ist, wurden im gesamten deutschen Machtbereich Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte sowie Wohnungen zerstört und verwüstet. Zahlreiche Juden wurden bei den Pogromen getötet oder verletzt. Allein in Wien wurden im Zuge der Pogrome insgesamt 42 Synagogen und Bethäuser zerstört. 6547 Wiener Juden kamen in Haft, knapp unter 4000 davon wurden in das Konzentrationslager Dachau verschleppt.

ISSN 2222-2464