Wien: jedermann (stirbt) am Burgtheater

Autor Ferdinand Schmalz wagt sich an den klassischen Jedermann-Stoff. Foto: Georg Soulek/Burgtheater
Autor Ferdinand Schmalz wagt sich an den klassischen Jedermann-Stoff. Foto: Georg Soulek/Burgtheater

Uraufführung des Stücks von Ferdinand Schmalz

Wien (epdÖ) – Die Welt – eine große kahle Wand. Goldschimmernd und totenblass. Aus einem dunklen Loch schlüpfen Menschen und verschwinden wieder. Eine „teuflisch gute gesellschaft“ tummelt sich davor. Vettern, die eine Wahl zu finanzieren haben und sich um jeden Geldschein im Lederhosenstrip bücken müssen. Der „mammon“ und die „guten werke“, die einander gefunden haben. Der „tod“ und „die buhlschaft“, die das Spiel um die Seele immer gerne annehmen, weil der Gewinn im großen blinden Auge von Sinn und Moral todsicher ist. Einzig derarme nachbar gott“ hält traurig dagegen – ein einsamer Gärtner. Und dazu „jedermann“, für den Menschen bloß Schuldner mit Leib und Seele sind. Glaube, Liebe, Hoffnung braucht hier niemand mehr. Und „Glück ist eine Illusion für den Verkauf von Pauschalreisen“. Das Wunder ist der Schein.

Das ist der Hintergrund, vor dem der Grazer Dramatiker und Bachmannpreisträger 2017 Ferdinand Schmalz seine Neuinszenierung des „Jedermann“ am Wiener Burgtheater ansetzt, die am Freitag, 23. Februar, Premiere feierte.  Schmalz stellt sich dabei mit großer Reflexionsfähigkeit und Sprachmächtigkeit einer langen Tradition der Theatergeschichte, die mit der Berliner Uraufführung (1911) des Stückes von Hugo von Hofmannsthal in der Inszenierung Max Reinhardts ihren Anfang nahm.

Schmalz hebt in seiner Textfassung, einer Auftragsarbeit des Burgtheaters,  die existentielle Frage nach Sinn und Herz des Menschen in einer Welt im umfassenden Verlust eines korrektiven  „geistigen Auges“ hervor. Der Autor versteht es dabei, Themen und Motive der Ideengeschichte des Jedermann-Stoffes zu öffnen und eindringlich zu reflektieren. Die moralische Rechtfertigung des Menschen auf seiner „raubtierhaften wildbahn“ des Profit- und Machtdenkens im Angesicht des Todes wird dabei zum schonungslosen Wechsel von Haben und Sein im Spiegel der Zeit.

Schmalz zeigt, wie zeitlos existentiell, aber auch gesellschaftskritisch, dieser Dramenstoff sein kann. Der Autor erweist sich in seiner Sprachvirtuosität aber auch als jemand, der am Motiv der Utopie festhält und das Publikum mit dem Anspruch der Entscheidungsverantwortung für Leben und Welt entlässt. Er knüpft damit eng an die spätmittelalterlichen dramatischen Wurzeln des Jedermann und moderne Konzeptionen existentialistischer Verantwortungsethik an. Die Frage Jedermanns nach Wert und Sinn, Himmel und Hölle, hat auch im 21. Jahrhundert nichts von ihrer Brisanz verloren.

epdÖ/wp

Ferdinand Schmalz, "Jedermann (stirbt)" am Burgtheater Wien. Die nächsten Spieltermine: 1., 2., 17., 21.3. 2018

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ISSN 2222-2464