Wien: Evangelisches Gymnasium bietet Mehrfachqualifikation

Neben der Matura werden eine handwerkliche Ausbildung und ein diakonisch-sozialer Schwerpunkt geboten

Wien, 6. Juli 2005 (epd Ö) – Einen Ausbildungsweg mit einer mehrfachen Qualifikation bietet das Evangelische Gymnasium, das derzeit noch im 4. Wiener Bezirk untergebracht ist. Während die Direktorin für das kommende Schuljahr noch um SchülerInnen wirbt – einige Plätze sind noch frei – laufen bereits nahe dem Gasometer die Vorbereitungen für den Neubau des Gymnasiums auf Hochtouren. Im Herbst 2006 soll dann dort der Betrieb aufgenommen werden. Im Dachgeschoß des neuen Schulgebäudes werden SeniorInnen wohnen.

Geboten werden im Evangelischen Gymnasium, das SchülerInnen aller Konfessionen offen steht, zwei Ausbildungszweige. Neben der Matura gibt es die Möglichkeit, einen Lehrberuf zu erlernen (Tischler, Gold- und Silberschmied oder EDV-Techniker). Das Werkschulheim ist ein Realgymnasium mit vermehrtem technischen Werkunterricht. Nach der Lehrabschlussprüfung am Ende der achten Klasse schließen die SchülerInnen das neunte Schuljahr mit der AHS-Matura ab. Prägend und identitätsstiftend ist für das Evangelische Gymnasium der neue diakonisch-soziale Schwerpunkt.

Von den derzeit rund 420 SchülerInnen würde etwa die Hälfte dieses Angebot einer integrierten Ausbildung nützen, so Direktorin Elisabeth Sinn am Montag, 4. Juli, bei der Präsentation des Modells vor Journalisten in Wien. Gespannt blickt sie auf den September, wenn die ersten Jahrgänge der seit 1996 bestehenden Schule ihre Gesellenprüfung ablegen werden, bevor sie dann im folgenden Jahr die Matura absolvieren.

Der für Schulfragen zuständige evangelische Oberkirchenrat Michael Bünker bezeichnete das Wiener Gymnasium als „Edelstein unter den evangelischen Schulen“, die „Spielraum für die Menschlichkeit“ sein wollen. Der „mündige Christ“ sei immer schon Anliegen evangelischer Pädagogik gewesen. Dies werde im Werkschulheim durch die integrative Ausbildung und die starke Förderung der Sozialkompetenz deutlich. Oder, wie Wolfgang Wittmann, Obmann des Elternvereins, betonte: „Lernen mit Kopf, Händen und Herz“. Den modellhaften Charakter der Schule unterstrich die Vorsitzende des Schulwerkes A.B. Wien, DI Annemarie Mladek. Die handwerkliche Ausbildung motiviere zudem die SchülerInnen auch für das Engagement in anderen Fächern. Durch die erfolgreiche Kooperation mit der HTL Mödling im Werkstättenbereich sei zudem eine große Flexibilität gegeben. Denkbar ist für Mladek auch die direkte Kooperation mit Firmen. Dringend erforderlich sei ein Beitrag der Wirtschaft, da der Werkstättenbetrieb keine öffentlichen Förderungen erhalte, obwohl Lehrlinge ausgebildet werden.

Die VP-Nationalratsabgeordnete Gertrude Brinek begrüßte ausdrücklich das Modell, da es neben einem Werkschulheim in Salzburg das einzige Modell dieser Art in Österreich sei, welches die Ausbildung von „Mehrfachkompetenzen“ ermögliche. Zum anderen biete es eine gute Basis dafür, dem Mangel an unternehmerischen Initiativen entgegenzutreten, so Brinek. 40 Prozent der österreichischen Arbeitslosen besäßen keinen Pflichtschulabschluss, weitere 35 Prozent nur einen Lehrabschluss. Gegen diese Tendenzen wende sich das evangelische Modell.

Besonderes Augenmerk legten Sophie Karmasin vom Institut für Motivforschung und Gabriele Zuna-Kratky, Direktorin des Technischen Museums, auf den „Gender“-Aspekt. Nach wie vor gebe es geschlechtsspezifische Ausbildungs- und Arbeitswahl. Das evangelische Modell trage in dieser Situation entscheidend zur kritischen Bewusstseinsbildung bei, indem es bewusst Wert darauf lege, auch Mädchen in vermeintlich „klassische“ Männerberufe, wie Tischler und EDV-Techniker, zu bringen. (Infos: www.evangelischesgymnasium.at)

ISSN 2222-2464