WiederaufbauerInnen besuchen Evangelische Schule

Freiwillige Helferinnen und Helfer aus den USA bauten in den 1950er Jahren die zerstörte Evangelische Schule am Wiener Karlsplatz wieder auf. Anlässlich des 150-jährigen Bestehens kamen zahlreiche von ihnen auf Besuch nach Wien. (Foto: epd/Janits)
Freiwillige Helferinnen und Helfer aus den USA bauten in den 1950er Jahren die zerstörte Evangelische Schule am Wiener Karlsplatz wieder auf. Anlässlich des 150-jährigen Bestehens kamen zahlreiche von ihnen auf Besuch nach Wien. (Foto: epd/Janits)

AmerikanerInnen halfen in den 1950er Jahren beim Wiederaufbau

Wien, (epdÖ) – Sie bauten in den 1950er Jahren die evangelische Schule am Karlsplatz in Wien wieder auf: Freiwillige Helferinnen und Helfer aus der Brüdergemeinde und den Mennoniten aus den Vereinigten Staaten. Anlässlich der 150-Jahr-Feier der Schule besuchten zahlreiche von ihnen die Schule. Mit einem kleinen Festakt am 22. Juni, gestaltet von den Schülerinnen und Schülern der Volks- und neuen Wiener Mittelschule bedankten sich die rund 530 Kinder und ihre Lehrerinnen und Lehrer bei den Gästen aus Übersee für den Wiederaufbau ihrer Schule.

Mitte der 1950er Jahre schickten die beiden großen Peace-Churches (Friedenskirchen) der USA Freiwillige, die eine Alternative zum Militärdienst gewählt hatten. Gemeinsam mit der Bevölkerung vor Ort bauten sie die Schule wieder auf. „Anfangs ging es um grobe Arbeiten, etwa Steine abklopfen oder Wände neu verputzen“, erinnert sich David McRay, der 1954 nach Wien kam. Er selber sei kein Mitglied einer Peace-Church gewesen, durfte als „Außenseiter“ aber trotzdem mit nach Österreich. In seiner Gruppe arbeiteten zehn Amerikaner. Wien sei damals eine deprimierende Stadt gewesen – grau, zerbombt und viele alte, schwache und kranke Menschen. Das kulturelle Angebot sei hingegen toll gewesen: „Ich bin musikbegeistert und so war ich jede Woche in einem Konzert“, erzählt McRay, der in Wien auch seine jetzige Ehefrau gefunden hat, mit der er seit 1961 in München lebt. McRay ist mittlerweile auch seit vielen Jahren österreichischer Staatsbürger.

Die Schule für ehemalige Feinde aufzubauen, sei für ihn kein Problem gewesen. „Eher im Gegenteil. Die Nazis haben die Schule ja zerstört. Wir haben die Schule wieder aufgebaut, weil es eine kirchliche Schule war, die zum Frieden erzieht und ein Bollwerk gegen solche Entwicklungen sein soll“, erklärt McRay. „Menschen sind Menschen. Und wenn man sie besser kennenlernt, werden aus Feinden Freunde“, ist Jan Thompson überzeugt. Der Pfarrer der Brüdergemeinde hat ebenfalls am Wiederaufbau der Schule mitgewirkt. Er habe die Schule am Karlsplatz in den vergangenen Jahren schon öfters besucht, Wien sei mittlerweile so etwas wie seine zweite Heimat geworden. Beide Männer erinnern sich noch gut an die damalige Zeit, denken gerne zurück und wirken tief bewegt, wenn sie über ihre Zeit in Wien erzählen.

Vom Gottesdienst im Festzug über den Ring zum Schulfest

Das große Schulfest der evangelischen Schule am Karlsplatz stand am 23. Juni ganz im Zeichen der 150-Jahr-Feierlichkeiten. Nach den beiden Gottesdiensten in der Lutherischen und der Reformierten Kirche in der Dorotheergasse zog ein langer Festzug mit rund 300 SchülerInnen begleitet von einer Blaskapelle über den Graben und den Ring bis zur Schule am Karlsplatz. Dort konnten im offiziellen Teil des Festaktes die Präsidentin des Stadtschulrates, VertreterInnen der Bezirkspolitik, der Diakonie Bildung sowie der evangelischen Kirchen begrüßt werden.

Die amtsführende Präsidentin des Stadtschulrates, Susanne Brandsteidl äußerte sich sehr anerkennend zur Arbeit der evangelischen Schulen sowie der Johann Sebastian Bach Musikschule.

An Hauptschul-Oberlehrerin Janet Schager, langjährig an der Evangelischen Mittelschule am Karlsplatz tätig und ehrenamtliche Organisatorin des Schulfestes, wurde im Rahmen der Danksagungen das Goldene Kronenkreuz der Diakonie verliehen.

Bewegte Geschichte der Schule am Karlsplatz

Nachdem die evangelischen ChristInnen 1861 durch das Protestantenpatent staatskirchen-rechtlich anerkannt wurden, konnte sich das kirchliche Leben im öffentlichen Bereich entfalten – deutlich sichtbar wurde dies durch die Eröffnung des Schulhauses am Karlsplatz am 8. Juni 1862. Von Anfang an wurden Buben und Mädchen unterrichtet, allerdings in separaten Einrichtungen.

Nach In-Kraft-Treten des Hauptschulgesetzes 1927 wurde die Bürgerschule in eine Hauptschule umgewandelt, die Fortbildungsschule für Mädchen aufgelöst. 1938 verfügten die Nationalsozialisten die Auflösung aller konfessionellen Schulen, die Einrichtung am Karlsplatz wurde daraufhin als öffentliche Volks- und Hauptschule geführt. 1945 brannte das mittlerweile als „Volkssturmkaserne“ verwendete Gebäude in den letzten Kriegstagen ab.

Nach dem Krieg wurde der Schulbetrieb in das ehemalige evangelische Waisenhaus in der Hamburgerstraße (Margareten) verlagert. 1953 begann der Wiederaufbau am Karlsplatz durch amerikanische Freiwillige, 1959 zogen die ersten Klassen wieder ein. Zwei Jahre später wurde die Schule feierlich wiedereröffnet.

ISSN 2222-2464