Wie weit darf plastische Chirurgie gehen?

Die Grenze zwischen Therapie und Enhancement ist fließend, meint der Medizinethiker und evangelische Theologe Ulrich Körtner. Foto: Dieter Schütz/Pixelio
Die Grenze zwischen Therapie und Enhancement ist fließend, meint der Medizinethiker und evangelische Theologe Ulrich Körtner. Foto: Dieter Schütz/Pixelio

Medizinethiker Körtner: „Nicht alles, was chirurgisch machbar ist, ist auch moralisch gerechtfertigt

Wien (epdÖ) – Wie weit darf Chirurgie, speziell plastische Chirurgie, gehen und wo verläuft die Grenze zwischen Therapie und Enhancement – zu diesen Fragen hat der Wiener Theologe und Medizinethiker Ulrich H.J. Körtner in einem Gastbeitrag am Samstag, 13. Jänner in der Tageszeitung „Die Presse“ Stellung genommen. Jeder chirurgische Eingriff stelle eine Grenzüberschreitung dar, hält Körtner fest. Es handle sich immer um eine Verletzung der körperlichen und seelischen Unversehrtheit eines Menschen. Allerdings sei dies notwendig, um Heilung zu erreichen. „Doch in welchen Fällen sind solche Eingriffe medizinisch gerechtfertigt?“, fragt der Medizinethiker in Hinblick auf die plastische Chirurgie. „Anhand welcher Kriterien wird dem subjektiven Leiden eines Menschen an seinem Äußeren ein Krankheitswert zugemessen?“ Wenn Chirurgie glaubt, psychische Probleme allein durch Operationen behandeln zu können, überschreite sie jedenfalls eine ethische Grenze, ist Körtner überzeugt.

Bei der Frage nach den ethischen Grenzen der Medizin in diesem Teilbereich gehe es um „jene zwischen medizinisch indizierter Therapie und anderen Formen der Manipulation des Körpers, die zwar medizinisches Können voraussetzen, aber nicht mehr als Therapie zu betrachten sind“, schreibt Körtner. Die Debatte um Enhancement, darunter versteht man medizinische oder medikamentöse Eingriffe zur scheinbaren Verbesserung des Körpers ohne medizinische Notwendigkeit, drehe sich letztlich um Fragen der persönlichen Identität, des Selbstwertgefühls und der verschiedenen Formen des Selbst. Dies sei ein zutiefst theologisches Thema, wie Körtner betont. In seinem Gastbeitrag zitiert er den dänischen Philosophen und Theologen Sören Kierkegaard, nach dessen Auffassung Sünde im Kern Verzweiflung bedeute. „Die verschiedenen Formen des medizinischen Enhancement haben es mit diesen Formen der Verzweiflung zu tun. Man denke nur an das Feld der Ernährung und Diäten, an Adipositas und Magersucht und stimmungsaufhellende Psychopharmaka.“

Theologisch stelle sich dann die Frage, inwiefern sich Enhancement im Einklang mit der schöpfungsgemäßen Polarität von Freiheit und Schicksal befinde und in welchen Fällen in ihm eine Gestalt sündiger Verzweiflung zu sehen ist. Diese Grenze zwischen Therapie und nicht-therapeutischen Eingriffen sei fließend. Die ethischen Grenzen der Chirurgie würden durch die Achtung der Menschenrechte bestimmt, stünden aber nicht ein für alle Mal fest, sondern seien in kommunikativen Prozessen stets neu zu bestimmen, erklärt Körtner. „In solchen Aushandlungsprozessen zeigt sich freilich, dass nicht alles, was chirurgisch machbar ist, auch moralisch gerechtfertigt ist.“

ISSN 2222-2464