„Wer geht schon gerne in die Knie?!“

"Für Martin Luther war es selbstverständlich, die Knie zu beugen, vor allem als Mönch. Aber auch als Reformator kennt er das noch." Die Thesentür an der Wittenberger Schlosskirche. Foto: epd/M. Uschmann
"Für Martin Luther war es selbstverständlich, die Knie zu beugen, vor allem als Mönch. Aber auch als Reformator kennt er das noch." Die Thesentür an der Wittenberger Schlosskirche. Foto: epd/M. Uschmann

„Im Gespräch“ mit Ingrid Tschank

„Ich knie mich heute nicht mehr gerne nieder“, erzählt mir Rosi. „Aber früher sind wir alle beim Heiligen Abendmahl gekniet, direkt vor dem Speisegitter, von dem der Altar eingerahmt war. Als Brautpaar war das sowieso selbstverständlich, beim Segen zu knien, das hätte ich mir gar nicht anders vorstellen können.“ Viele Erinnerungen verbindet Rosi mit dem Niederknien und aus ihren Worten klingt trotz allem ein ehrfurchtsvolles Gefühl. „Jetzt stehe ich lieber und am Schönsten ist es, im Kreis um den Altar Brot und Wein zu teilen und sich dann auch die Hände zu reichen.“

Wer auf die Knie vor jemanden geht, der begibt sich in eine unterlegene Position, wird als Verlierer angesehen. Ein Kniefall kann aber auch etwas höchst ehrwürdiges sein, kann Anbetung, Achtung, Zuneigung, Bewunderung und Liebe bedeuten. Es kann damit aber auch ein Schuldeingeständnis verbunden sein und eine Bitte um Vergebung. Für den Apostel Paulus ist das Niederknien eine Haltung des Gebets. Heutzutage ist diese Körperhaltung eher selten geworden. Das Niederknien bedeutete ursprünglich: Gott etwas bitten, vor ihm bekennen, auf seine Hilfe angewiesen zu sein. Wer vor Gott kniet, der tut das auch, um zu empfangen und bringt zum Ausdruck, dass er angewiesen ist auf Gottes Gnade.

In der christlichen Kunstgeschichte finden sich unzählige Darstellungen der Heiligen drei Könige, wie sie vor der Krippe knien. Noch berühmter ist nur das Knien der Hirten. „Ihr Kinderlein kommet“ ist übrigens das einzige Lied im Evangelischen Gesangbuch, wo überhaupt vom Knien die Rede ist. Zu den sehr bekanntesten Darstellungen gehört die Szene am Ölberg, wo sich Jesus niederkniet, um zu beten. „Und Jesus ging ein Stück weiter, warf sich auf die Erde nieder und betete, dass die Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe.“

Für Martin Luther war es selbstverständlich, die Knie zu beugen, vor allem als Mönch. Aber auch als Reformator kennt er das noch. In der Einleitung zu seinem „Morgensegen“ ist jedoch bereits die Veränderung zu erkennen, denn er überlässt dem Beter die Entscheidung: „Des Morgens, wenn du aufstehst, kannst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes … Darauf kniend oder stehend das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser beten.“ Wichtig ist letztlich nicht, ob ein Mensch sein Gebet auf Knien betet oder den Segen kniend empfängt, wichtig ist die Haltung, die er im Herzen annimmt. Manchen Menschen hilft es, sich auch körperlich in eine besondere Haltung zu begeben, damit Herz und Körper eine Einheit bilden, aber das ist eine sehr persönliche Einstellung. Letztlich ist wichtig, dass Menschen beten, dass sie mit Gott im Gespräch bleiben und ihn immer wieder neu suchen, damit sie von ihm gefunden werden.

Mag. Ingrid Tschank ist Pfarrerin in Gols. Kontakt: ta.sl1540151949og-gn1540151949ave@k1540151949nahcs1540151949t.dir1540151949gni1540151949

Jeden Sonntag sind Pfarrerin Maria Katharina Moser, Vikarin Julia Schnizlein und Pfarrerin Ingrid Tschank in der „Krone bunt“ – Kolumne „Im Gespräch“ zu lesen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von krone.at

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ISSN 2222-2464