Wenn Lebenskonzepte in Sekunden zerstört werden

Das Verhältnis zwischen Krisenintervention und Notfallseelsorge beleuchtete ein Abend der Evangelischen Woche

Wien (epd Ö) – Welchen Beitrag leisten Psychologie und Seelsorge in traumatischen Krisen? Über diese Frage diskutierten am dritten Abend der diesjährigen Evangelischen Woche – sie steht unter dem Thema „Wenn alle Stricke reißen – Handlungsfähig in der Krise“ – die Leiterin der Akutbetreuung Wien, Brigitte Lueger-Schuster, der Vorsitzende des Notfallpsychologischen Dienstes Österreich, Rudolf F. Morawetz, und der Leiter der Notfallseelsorge der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Pfarrer Frank Waterstraat.

Nicht als Konkurrenz, sondern als Miteinander beschrieb der evangelische Pfarrer am Mittwochabend, 10. März, das Verhältnis zwischen Krisenintervention und Notfallseelsorge. Waterstraat, der auch in der psychosozialen Unterstützung von Feuerwehrmännern tätig ist, definierte Notfallseelsorge als besondere Form der Seelsorge, die sich „in akuter Notsituation verfügbar und erreichbar macht“. Die Plötzlichkeit und die Schwere des Ereignisses, wenn „Lebenskonzepte in Sekunden zerstört“ werden, erfordere eine qualifizierte Betreuung mit „spiritueller Kompetenz“. NotfallseelsorgerInnen müssten über hohe analytische Fähigkeiten verfügen, um die Bedürfnisse der KlientInnen wahrzunehmen, „nicht immer ist Spiritualität gefragt“. Dass sich die Arbeit des Akutbetreuungsteams an den besonderen Bedürfnissen orientiere, unterstrich auch Lueger-Schuster, deren über 60 Teammitglieder in 450 Einsätzen jährlich rund 3500 KlientInnen in Wien betreuen: „Wir tun Ähnliches, aber nicht das Gleiche, aber alles ist gut.“

Die Opfer erlebten die Schwere des Ereignisses sehr unterschiedlich, betonte der Tiroler Notfallpsychologe Rudolf F. Morawetz. Entscheidend sei dabei die eigene Lebenssituation, das soziale Netz, aber auch, „ob ein Mensch Ressourcen mitbekommen hat, mit außergewöhnlichen Situationen umzugehen“. Eine Ressource sei der Glaube. So habe er beobachten können, „dass Menschen, die im Glauben fest verankert sind, sich oft leichter tun mit der Bewältigung von Problemen – das muss aber nicht so sein“. Generell ortet Morawetz eine Scheu bei den Betroffenen, Hilfe anzunehmen, hier sei noch viel Bewusstseinsarbeit notwendig.

Notfallseelsorge wird in Wien „angeboten, wenn die Person dies wünscht“, erklärte Lueger-Schuster. Die äußerst geringe Nachfrage könnte auch mit der Fragestellung zu tun haben, mutmaßten die DiskutantInnen: „Wollen Sie einen Pfarrer sprechen?“ sei sicher falsch formuliert. Der Notfallseelsorger Waterstraat sieht seinen Auftrag darin, mit einem „sparsamen Wort und sparsamer Gestik als Seelsorger präsent zu sein“. Keinesfalls dürfe das Angebot „künstlich“ oder wie „Zwangsmission“ wirken. Vielmehr gehe es darum, „den Blick auf Trost und Heilung über Tag und Stunde hinaus offenzuhalten“. Bei der Krisenintervention, so Lueger-Schuster, sei das Vermitteln sozialer Geborgenheit von hoher Bedeutung. In ihrer emotionalen Überforderung fühlten sich Menschen allein und von ihrer Umwelt abgespalten. Die Akutbetreuung wolle hier „sanfte Handlungsanleitungen zur Verfügung stellen“, um das Erlebte annehmen zu können, denn: „Wegtherapieren lässt es sich nicht“.

Einig waren sich die drei ExpertInnen, dass auch die Helfer Hilfe benötigen. „Berufseinsatzkräfte haben dreimal so viele Traumaerlebnisse wie Normalbürger“, erzählte Lueger-Schuster aus ihrer Praxis. Ziel der Betreuung sei es, die Helfer „so schnell wie möglich wieder einsatzfähig zu machen“. Weitaus komplexer stelle sich die Hilfe für die ehrenamtlichen Helfer dar, etwa bei Feuerwehren, sagte Waterstraat in der von der ORF-Journalistin Astrid Schweighofer moderierten Diskussion. Hier komme der Prävention eine entscheidende Rolle zu. Helfer müssten auf Grenzerfahrungen hingewiesen und geschult werden, wie man damit umgehen könne. Das gelte auch für NotfallseelsorgerInnen. Waterstraat: „Gefährlich wird es, wenn Seelsorger meinen, unverwundbar zu sein.“

ISSN 2222-2464