Weltweite Visionen – lokales Handeln

Europäische Gebietsversammlung des Reformierten Weltbundes tagt in Oradea/Rumänien

Oradea, 19. August 2002 (epd Ö) Die Europäische Gebietsversammlung des Reformierten Weltbundes tagt vom 17. bis 23. August 2002 in Oradea in Rumänien. Die diesjährige Versammlung steht unter dem Motto: „Leben in Fülle. Weltweite Visionen – lokales Handeln“. Mit diesem Thema soll die Verbindung zur Generalversammlung des Reformierten Weltbundes 2002 unterstrichen werden.

Die Evangelisch-reformierte Kirche in Österreich ist durch Landessuperintendent Hofrat Pfarrer Mag. Peter Karner und Pfarrer Mag.Thomas Hennefeld vertreten. Außerdem nimmt Evelyn Martin, Vorsitzende der reformierten Synode Österreichs, in ihrer Funktion als Mitglied des Europäischen Gebietsausschusses an der Konferenz teil.

Die Konferenz wird vier durchaus brisante Unterthemen diskutieren: „Vergangenheitsbewältigung“, wobei hier vor allem die Vergangenheit der kommunistischen Ära und das Verhalten des Westens und großer ökumenischer Organisationen angesprochen werden soll. „Minderheiten“ – hier wird die Lage von Minderheitskirchen gegenüber Mehrheitskirchen beleuchtet, „Auf dem Weg zu einem Bund gegen Ungerechtigkeit in Wirtschaft und Umwelt“ und „Weltweite Visionen – lokales Handeln“.

Landessuperintendent Karner: Präsident Bush ist auch kein Gott

Im Rahmen eines Gemeindebesuchsprogrammes vor Konferenzbeginn predigte der Österreichische Landessuperintendent Peter Karner in der Kirche von Bischof Lászlo Tökés in Oradea. Ausgehend von dem Jesajazitat „Die Ägypter sind auch nur Menschen und nicht Gott“ nahm Karner so manche Überheblichkeit oder Selbstherrlichkeit auf’s Korn, wenn er sagt: „Präsident Bush ist auch nur ein Mensch und kein Gott. Präsident Putin ist auch nur ein Mensch und kein Gott. Die Repräsentanten der reichen Reformierten Kirchen in Europa und den USA sind nur Menschen und keine Götter. Und Bischof Tökés ist auch nur ein Mensch und kein Gott.“ Weiters hob Karner in seiner Predigt hervor, dass, wer stolz auf die Reformation sei, sich an den Reformatoren auch ein Vorbild nehmen sollte. Das schließe auch Mut zur Kritik, Phantasie und Kreativität mit ein.

Eröffnung der Europäischen Gebietsversammlung in der Sporthalle von Oradea

Ungefähr 4.000 Menschen, hauptsächlich Mitglieder der ungarischen Minderheitskirchen in Rumänien, die aus allen Teilen des Landes mit Bussen nach Oradea gebracht wurden, wohnten der Eröffnung der Versammlung bei. Neben Grußworten von Vertretern anderer Konfessionen und Religionsgemeinschaften, wie etwa der römisch-katholischen, der evangelisch-lutherischen, der rumänisch-orthodoxen Kirche und der jüdischen Glaubensgemeinschaft dominierten die Gastgeber den Eröffnungsgottesdienst durch leidenschaftliche Ansprachen, in denen sie die Leistungen von Bischof Tökés während des Umsturzes 1989 hervorhoben und lobten.

In seiner Predigte reflektierte Bischof Tökés die Botschaft des Propheten Jesaja, für den „Wahrheit und Friede, Gerechtigkeit und Sicherheit“ Schlüsselbegriffe gewesen seien. In Anspielung an die nicht aufgearbeitete Vergangenheit der Diktatur sagte Tökés, dass Friede ohne Wahrheit ein Scheinfriede wäre. In seiner prägnanten offiziellen Eröffnungsrede betonte Krister Andersson, Präsident des Europäischen Gebiets, die Offenheit und Grenzenlosigkeit der Botschaft Jesu und des Heils, das für alle Menschen gilt, so sei auch das Motto zu verstehen, eine weltweite Vision zu entwickeln für alle Menschen. Die europäische Gebietsversammlung des Reformierten Weltbundes findet alle sieben Jahre statt, zuletzt tagte sie 1995 in Edinburgh/Schottland. Die europäische Gebietsversammlung ist eine Abteilung des Reformierten Weltbundes, in der die Reformierten Kirchen Europas die Möglichkeit haben, ihre gemeinsamen Interessen und Vorhaben in den Reformierten Weltbund einzubringen. Dem europäischen Gebiet gehören 39 Kirchen in 27 Staaten an. Die Reformierten Kirchen Europas zählen etwa zehn Millionen Mitglieder.

Globalisierung bringt dem überwiegenden Teil der Menschheit nur Tod und Elend

Ein Grundsatzreferat über Perspektiven und Ziele des Reformierten Weltbundes (RWB) hat Dr. Setri Nyomi, Generalsekretär des Reformierten Weltbundes, gehalten. Es sei notwendig, „lokal zu handeln und gleichzeitig eine globale Vision zu entwickeln“ so Nyomi. Globalisierung sei aber genau das Gegenteil einer biblischen Vision, die auf Frieden und Gerechtigkeit gründe. Nyomi forderte die Delegierten auf, die weltweite ökonomische Ungerechtigkeit mit derselben Leidenschaft zu bekämpfen, wie in den 1980er Jahren die Apartheid in Südafrika. Globalisierung, die in der westlichen Welt als Fortschritt gefeiert werde, bringe dem „überwiegenden Teil der Menschheit nur Tod und Elend“.

Im RWB sind mehr als 75 Millionen Christinnen und Christen aus über 100 Ländern der Welt miteinander verbunden. Der RWB ist eine Gemeinschaft von mehr als 200 kongregationalistischen, presbyterianischen, reformierten und unierten Kirchen, die ihre Wurzeln in der von Johannes Calvin, John Knox und anderen angeführten Reformation des 16. Jahrhunderts haben. Die meisten Mitgliedskirchen befinden sich heute in der südlichen Hemisphäre. Viele von ihnen gehören in ihren jeweiligen Ländern zur religiösen Minderheit.

ISSN 2222-2464